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Was „Freiheit“ für mich bedeutet.*
„Frei leben wie ein Geier“ ist eine
verbreitete Metapher in der oralen
kurdischen Literatur. Nicht umsonst nahm
dieser Ausdruck einen wichtigen Platz bei
den Kurden ein; dass sie sich seit
Jahrhunderten für ihre Freiheit einsetzen
und leiden, ist weltweit bekannt.
Ich wuchs in einem kleinen Dorf in
Zentralanatolien auf. Als Kind nahm ich
den Begriff „Freiheit“ nicht wahr. In
diesem Dorf, das weit weg war von den
türkischen Staatstrukturen, hatten
Familien zahlreiche Kinder; sechs bis acht
Kinder galten als zu wenig. Heute,
dreissig Jahre später, leidet das Dorf
unter Einwohnermangel. Wer ein Mal ging,
kam nie mehr zurück. Ich erinnere mich
gerne an meine Kindheit auf dieser
unendlichen Steppe im Bauch der Natur. Der
dörfliche Alltag, die Jahreszeiten, die
unser Leben bestimmten, und die
facettenreiche Kultur meines Volkes prägen
heute noch meine Träume. Für das Vergnügen
standen sinnbildlich die Märchen und
Geschichten, die eine Grossmutter den
Kindern erzählte und die gleichzeitig von
der grossen kurdischen Erzähltradition
zeugten.
Im Alter von sieben Jahren lief ich eines
Morgens in ein Nachbarndorf zur Schule.
Plötzlich stand ich vor einer Lehrerin
(Sie trug Hosen, war geschminkt, hatte
lange und rot lackierte Fingernägeln), die
ständig auf mich einredete und deren
Sprache ich nicht verstand. Denke ich an
mein späteres Engagement für meine in der
Türkei verbotene Muttersprache (auf
kurdisch sagen wir: Mutterzunge), war
diese erste Begegnung mit der
Staatlichkeit ein Eckstein in meinem
Bewusstsein. So nahm ich wahr, dass ich
als Angehöriger der kurdischen Ethnie in
der Türkei nicht frei bin. Der Scheideweg
begann in diesem Moment: entweder
akzeptiere ich die bittere Assimilation
oder ich lehne mich gegen den mächtigen
Staat auf und nehme die gnadenlose
Repression in Kauf. Ich zog das Letztere
vor und das fabelhafte Bild meiner
kurdischen Lebenswelt wurde mit dem Ende
jener unbekümmerten Kindheit langsam zu
Vergangenheit. Dass ich später fliehen, in
ein Leben im Dazwischen eintreten und
existenzielle Erfahrungen machen müsste,
daran dachte niemand.
Yusuf Yeşilöz, Juli 2006
(in der Zeitschrift „Vielfalt“ der
Gesellschaft für bedrohte Völker,
September 2006, in Bern.)
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