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Yusuf
Yesilöz`Reise im Grenzkorps
«Die
Huarä finden
überall
ein Loch»
Der
Bund, DIENSTAG, 15. MÄRZ 2005 13
Als
einer, der nicht schweizerisch aussieht,
wäre eine Reise
mit sieben Grenzbeamten des
Grenzkorps in einem Achtplatzabteil
eines Zuges mein letzter
Wunsch im Leben gewesen. Schon
in den Neunzigerjahren habe
ich geschworen, in der Woche des
Autosalons Genf nicht Zug zu fahren,
besonders die Strecke
Zürich–Bern–Fribourg,
wo ich beruflich tätig
war, zu vermeiden. Dies,
nachdem ich mit einer lauten Männergruppe
eines Toggenburger Schützenvereins
reiste und die
Chemie unserer Blicke sich nicht
vertrug. Mir gelang es ein paar
Jahre, in der Pilgerwoche der Autoliebhaber
diese Strecke auszulassen.
Eines
Morgens, im März 2004, bestieg ich
den Zug in Winterthur, ohne
zu wissen, dass der Autosalon
Genf
angesagt war. Ich lief zwei Wagen durch
und sah überall das Schild:
«Reserviert Zürich–Genf».
Ich
begab mich in den Speisewagen. Noch
bevor ich die Türe durchquerte,
kam mir der Tamile, den
Gipfelikorb in der Hand, entgegen und
sagte: «Alles reserviert, Autosalon
Genf.» So lief ich noch
einmal
durch weitere Wagen. In einem Abteil
stand über einem Platz kein
Reservierungsschild. Erfreut,
als
ob meine Grossmutter auferstanden wäre,
setzte ich mich hin. Dass
der Zug so voll war, freute mich
trotz der mühsamen Platzsuche. Auch
ich mache mir Sorgen um
ein allfälliges Defizit der SBB. Als
Zugezogener und GA-Besitzer, mein
einziger Luxus in der Schweiz,
ertappte ich mich sogar, «unsere
Bahnen» zu sagen.
In
Zürich stiegen die Männer ein, die
die sieben anderen Plätze in meinem
Abteil reserviert hatten. Die
einen fanden ihre Sitze früh und benachrichtigten
ihre Kollegen per Mobiltelefon,
gaben durch, wo der
Wagen,
die reservierten Plätze waren. Diese
sieben Männer begrüssten sich
dann auf eine für mich unspektakuläre Art,
und sie besprachen kurz,
wer wo sitze. Das Ungewöhnliche aber
war, dass jeder
Mann,
bevor er seinem Kollegen die Hand
gab, zuerst mich begutachtete, als
wäre dies eine Vorschrift.
In
knapp zehn Minuten konnte ich ihrem
Plaudern entnehmen, dass sie
Grenzkorps-Beamte waren. Sie
fuhren
zum Autosalon, um neue Dienstautos,
Wagen mit Vierradantrieb, anzuschauen.
Die Autos, die
sie hätten, seien im Winter nicht
geeignet.
Einer
der Männer erzählte,
er werde im Zug dösen, weil
er die letzte Nacht im Dienst gar
nicht geschlafen habe. «Hast du die
roten Lichter gezählt?» fragte ihn
der Mann mit dem Bart neben mir,
seine Kollegen lachten ob seiner Frage.
Nein, er habe letzte Nacht
einiges getan, unter anderem einen
Schweizer an der Grenze kontrolliert,
der in seinem Wagen mit
«vier Chatze» von Deutschland in
die Schweiz gefahren sei. Er fuhr
fort: «Dä Cheib hat sich furchtbar geärgert,
weil die Kontrolle eine
halbe Stunde gedauert hat. Ich
habe ihm gesagt, wenn er mit vier
Ausländern in seinem Wagen reise,
müsse er nicht verrückt werden, wenn
ich ihn so lange anhalte!»
Ein Jüngerer mit spitzigem Gesicht machte
seinen Witz: «Du hättest ihm
und seinen ‚Chatze‘ ja Kaffee anbieten
und den roten Teppich hinlegen
können.» Der neben mir
mit grauem Bart, der, wie ich später
bemerkte, in jedem Satz das Wort
«huarä» gebrauchte, meldete sich:
«Ich hätte mir für die Kontrolle jeder
dieser Frauen eine Stunde genommen,
dann wäre er richtig auf
die Welt gekommen!» Der Erste erzählte
weiter, dass alle vier Frauen schon
deutsche Staatsbürgerinnen gewesen
seien, aber «jede von einem
anderen Loch der Welt».
Ich
hörte den Gesprächen interessiert zu,
stellte mich aber so, wie wenn
ich in meine farbige türkische
Zeitung
vertieft wäre. Ich ertappte immer
wieder einen, der mich
mit seinen Blicken musterte. Als
ich jeweils den Kopf hob, wandte er
seinen Blick schnell weg. Etwas
später sagte ein Jüngerer dem
Bart neben mir: «Der neben dir
ist wahrscheinlich über die grüne Grenze
gekommen, als du im Dienst
warst!»
«Die
Huarä finden überall ein Loch,
egal wie man die Grenze bewacht »,
antwortete der Bart. «Soll ich
den mal kontrollieren?» fragte ein
anderer den Bart. «Nein, du hast
keinen Auftrag», sagte dieser. «Willst
du eine Journalistenschar vor
das Büro locken und berühmt werden?»
In
diesem Moment wusste ich nicht,
was ich tun sollte. Ich war, zugegeben,
bedrückt. Wie oft in solchen
Situationen. Ich erlebte oft strenge
Kontrollen, wenn ich aus dem
Ausland in die Schweiz einreiste,
obwohl ich seit rund zehn
Jahren einen roten Pass vorzeigen kann.
Es war jedes Mal sehr schmerzlich,
vom ganzen Wagen als
einziger kontrolliert zu werden, sofern
kein anderer Artgenosse da war,
und als potenziell illegal Einreisender oder
gar Verbrecher verdächtigt zu
werden. Ich wagte nicht,
meine deutschsprachigen Zeitungen
aus der Tasche zu holen. Ich
wollte die Szene, in der ich der Fremde
und sie die Landbesitzer waren,
nicht entlarven.
Ich
schaute einen Moment aus dem
Fenster. Der Zug liess Landund Ortschaften
zurück. Unter diesen
Männern kam ich mir vor wie
eine Kinoleinwand, und sie waren
die Kinobesucher. Dann sagte
ich mir, wenn ich schon einen Film
zeige, kann ich auch erotische Szenen
bringen. Das würde sicher
Eindruck machen. Ich drehte die
Seite zwei der grossformatigen türkischen
Zeitung – bei
der oft zwei Frauen, zweidrittel nackt,
abgebildet werden – zu den sieben
Männern. Es
ging nicht lange, bis ich einen
Polizisten
hörte: «Lueg emal», sagte er,
«jetzt hat er noch nackte Frauen in
seiner Zeitung.»
Der
Bart: «Ja ja, die ,huarä‘ Türken haben
schöne Frauen. Letzthin hat
ja eine Halbnackte die Eurovision
gewonnen.»
«Ja
du», sagte ein anderer lachend: «Zu
uns schicken sie aber nur
ihre Frauen mit Kopftuch.»
Alle
lachten, es schien, dass ihre Worte
ihnen gefielen. Zum Glück stiegen
später in Olten weitere
Männer
zu, Beamte des Basler Grenzkorps,
die aber keine freien Sitze
fanden und stehend mit meinen
Männern
plauderten. Das Gespräch kam,
nachdem ein Basler fragte,
ob die Ostschweizer auch
im
Zug jagen und einen Illegalen erwischt
hätten, und Gelächter auslöste,
auf die strenge Grenzkontrolle
der
Deutschen, die die Schweiz
in die Enge treiben würden, damit
«oises Land» der EU beitrete.
Es
entstand eine Diskussion um
dieses Thema. Das war gut, so wurde
ich in Ruhe gelassen. Als die
Ansage:
«Nächster Halt Fribourg» in
drei Sprachen verkündet wurde, packte
ich meine Sachen ein
und
stand auf. Zuerst dachte ich, einfach
raus zu gehen, ohne Adieu zu
sagen, dann entschied ich
mich,
dass ich den Film für mich doch
beenden wollte. Stehend sagte
ich: «No es schös Reisli mini
Herre
und uufwiderluoga!» Die Männer
schauten still auf mich. Beim
Gehen hörte ich den Bart, als
er
sagte:«De
huarä Cheib hät ja alles verstande. »
Und sie lachten wieder.
Zur
internationalen Konferenz «Denkplatz
Diaspora» lädt die Uni Bern Autorinnen
und Autoren aus dem Nahen und Mittleren
Osten ein. Unter ihnen
ist der in Winterthur lebende Kurde Yusuf
Yesilöz*, der exklusiv für
den «Bund» seine Erfahrungen im Zug nach
Genf schildert.
DENKPLATZ
DIASPORA
Vom
15. bis 19. März organisiert das
Institut für Islamwissenschaft und
Neuere Orientalische
Philologie
der Universität Bern zusammen mit
der European Association for
Study of Modern Literature
sowie
der Schweizerischen Gesellschaft Mittlerer
Osten und Islamische Kulturen
eine internationale
Tagung
zum literarischen Schaffen von
Exil-Schriftstellern aus dem Nahen
und Mittleren Osten. Die
Konferenz
ist nicht nur als Fachtagung konzipiert,
sondern richtet sich
auch an ein breiteres Publikum.
Öffentlich
sind die Lesungen von Hanan
al-Shaykh am 17. März und Feridun
Zaimoglu am 18. März im
Berner
Schlachthaus, jeweils um 20.30
Uhr. Ebenfalls im Schlachthaus findet
der in englischer
Sprache
gehaltene, öffentliche
Konferenztag «Denkplatz Diaspora»
statt, 18. März, 9.15 Uhr.
Um 17 Uhr tritt Yusuf Yesilöz auf.
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