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Die
Akzeptanz motiviert
Tages
Anzeiger, Oktober 2000
Fragt
man Einwanderer nach der Bedeutung des
Begriffs „Integration“, so ist die
Antwort verschieden und gar nicht
einsilbig. Sie reicht von selbständigem
Agieren bis zu einer gesicherten Existenz.
Der Wille zur Einbürgerung ist aber gross.
Dies zeigen die vielen Einbürgerungsgesuche,
die in der letzten Zeit enorm zugenommen
haben. Bestimmt ist die Sprache das wichtigste Element, um im
Einwanderungsland -für die Flüchtlinge
im Exilland- selbständig zu werden. Es
ist aber unrealistisch, von allen die
gleiche Sprach- und Sozialkompetenz zu
erwarten, denn, wie die Einheimischen,
sind auch die Einwanderer nicht homogen.
Vor
allem die ersten Jahre im Ausland sind für
die Einwanderer nicht einfach: neben dem
steinigen und meistens langen Weg zum
Bleiberecht, der viel Energie in Anspruch
nimmt, gibt es viele wesentliche Probleme
im Berufsleben, im Umgang mit dem
Fremdsein, mit dem Heimweh nach der
vertrauten Kultur, mit den Schulproblemen
der Kinder usw. Der Entscheid, hier zu
bleiben oder zurück zu gehen, fällt
Jahre nicht. Man lebt physisch hier, doch
geistig ist man öfters dort, wo man
herkommt. Statistiken zeigen aber, dass
von der ersten Generation der Einwanderer
weniger zurückgingen als sie ursprünglich
davon gesprochen hatten. Ich weiss selber
von Rückkehrern, die erst nach der Selbständigkeit
ihrer Kinder in der Schweiz in ihr Land
zurückkehrten, wo sie von hier aus eine
Existenz aufbauten. Diese geschilderten
Probleme legitimieren jedoch nicht, dass
man die Sprache des Landes nicht lernt. Es
ist aber eine andere Situation als gezielt
im Ausland einen Sprachaufenthalt zu
machen. Der Unterschied ist: Die
Einwanderung, die wir heute diskutieren,
entsteht aus einer Notlage, und ist mit
einem Existenzkampf verbunden. Von einer
Chancengleichheit zwischen den
Einheimischen und den Einwanderer kann
nicht gesprochen werden. Hinzu kommt, dass
die Einwanderer sich nicht dazugehörig fühlen.
Sie werden als „anders“ empfunden, was
zu Ablehnung führen kann. Eine
gegenseitige Akzeptanz ist meist nicht gewährleistet.
Ein gegenseitiges Kennenlernen, sei es
durch einen kulturellen Dialog, den Beruf,
oder soziales Netz, ist notwendig.
Wenn
die Schweiz eine Person dreiundzwanzig
Jahre nicht dazu bewogen hat, Deutsch zu
lernen, kann dies „das Handlungsmittel
Einbürgerung“ kaum tun. Diese Person
bekennt sich mit dem Einbürgerungsgesuch
zur Schweiz. Auf ihrer Art hat sie ihren
Weg gefunden, auch wenn wir aus unserer
Sicht ihn als ungenügend oder falsch
erachten. Der Integrationsprozess bei ihr
hätte viel früher anfangen sollen. Einen
neuen Weg kann sie heute kaum einschlagen,
so lange sie in der Schweiz lebt, wie sie
dreiundzwanzig Jahren gelebt hat. Sie zu
akzeptieren, könnte neue Perspektiven eröffnen
und sie zu weiteren vorgeschlagenen
Schritten motivieren.
Es
ist anders bei den anerkannten Flüchtlingen.
Nach der Anerkennung des Flüchtlingsstatus
besuchen sie im Rahmen einer
Integrationsbegleitung rund sechs Monate
Deutschkurs, während dessen die
Unterhaltungskosten gesichert sind. Auch
wenn der Deutschkurs von sechs Monaten,
der in meisten Fällen in der ersten Zeit
der Migration besucht wird, zu kurz ist,
um das Skelett einer Sprache zu lernen,
kann dies aber er ein guter Einstieg in
die Sprache sein. (Zudem steht den Flüchtlingen,
durch ein Hilfswerk im Auftrag des Bundes,
eine Person als Berater für die ersten fünf
Jahre.)
Die
erste Generation hat viel zur kulturellen
Vielfalt der Schweiz beigetragen. Dies
u.a. auch dank ihrer Orientierung zur
Heimat und der eigenen Kultur, wo sie zwei
wichtige Lebensabschnitte, nämlich
Kindheit und Jugend verbrachte, was der
Identität einer Person ein Gerüst
verschafft. Für den Wohlstand der Schweiz
und den wirtschaftlichen Austausch mit dem
Ausland hat die erste Generation einen
sehr wichtigen Dienst geleistet. Dazu
bringt man heute aus den Ferien aus
Anatolien auch Granatäpfel mit und erzählt
die dazu gehörenden Geschichten mit den
entsprechenden Ritualen und Mimiken.
Dieses Engagement ist zu schätzen.
Die
zweite oder gar dritte Generation, die
sich auch noch um die Einbürgerung bemüht,
ist Schweiz orientiert. Sie kennt, wenn überhaupt,
die Heimat ihrer Eltern oder Grosseltern
von drei Wochen Ferien alle paar Jahre.
(Mein siebenjähriger Neffe kennt das
kurdische Wort für „Grossvater“
nicht, obwohl er versucht, mit mir
Kurdisch zu sprechen.) Es klingt wie eine
Falle, wenn man diesen Teil der Schweizer
Bevölkerung immer noch als „ausländischen
Kinder“ benennt. Es handelt sich bei
ihnen um Menschen, die schon heute die
Schweiz in allen Bereichen auf den Händen
mit tragen, auch wenn sie sich nicht
unbedingt als „Schweizer“ bezeichnen.
Die heutigen „Ausländischen
Schulkinder“ sind die gemeinsame Zukunft
der Schweiz. Sie schwanken aber zwischen
den Erwartungen der Eltern, die von ihnen
die Pflege der Werte ihrer
Herkunftsgesellschaft erwarten, und der
Ablehnung in der Schweiz. Es nützt
keinem, in zehn Jahren wegen dieser
Ablehnung ein schlechtes Gewissen zu
haben.
Es
ist schwer nachzuvollziehen, dass
Menschen, die hier aufgewachsen sind, eine
lange Zeit hier leben und nur die Schweiz
gut kennen, einem schwierigen Einbürgerungsprozess
unterzogen werden. Hingegen ist bei
gemischten Ehen nach einem fünfjährigen
Zusammenleben die erleichterte Einbürgerung
möglich, ohne Sprachprüfung und die
hohen Kosten. Sehe ich all diese
Schwierigkeiten bei der normalen Einbürgerung,
so sage ich mir, dass meine erleichterte
Einbürgerung so einfach war, wie wenn man
ein Haarstück aus der Butter
hinausgezogen hat. Viele KollegInnen, mit
denen ich mich bestens auf Deutsch verständige,
scheuen sich vor der schwierigen Einbürgerungspraxis.
Die
Einbürgerung in der Schweiz ist eine
Investition in die Zukunft. Gesuchsteller,
die unter anderem lernen müssen, wie
viele Märkte es in der Stadt gibt, bemühen
sich dafür. Das Engagement der Schweiz
darf aber nicht nur aus Prüfungen der
Einbürgerungskommission bestehen.
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