Bürger

 

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Tages-Anzeiger, 2002-08-23; Seite 5; Nummer 34

 

Von Yusuf Yesilöz

Die Welt des Frosches besteht aus dem Ziehbrunnen, in dem er schwimmt», sagt ein Sprichwort aus meinem (ehemaligen) Land. An diesen Spruch denke ich in der Schweiz regelmässig, vor allem dann, wenn ich die immer gleichen Reaktionen gewisser Kreise sehe, die sich durch MigrantInnen bedroht fühlen, als verbreiteten sie ansteckende Krankheiten. In manchen Ortschaften entschieden letzthin die Bürger über die Einbürgerung der Ausländer, was zur Folge hatte, dass diese an der Urne je nach ihrem Herkunftsland behandelt wurden. Das Motto lautete: Auch wenn du mit deinem Mund fliegende Vögel fangen kannst, darfst du nicht Schweizer werden, sofern dein Familienname auf «ic» oder «ürk» endet. Der Vorwand ist allen bekannt: zu wenig integriert.

 

Bekanntlich verbietet die Bundesverfassung jegliche Diskriminierung und Willkür. «Die Meinung vergiftet sich mit der Zeit, wenn die Diskussion in geschlossenen Büchsen stattfindet. Es ist unfruchtbar, wenn man sich immer von der eigenen Überzeugung ernähren muss. Das kann zu einer geistigen Stumpfheit führen.» Das sind Worte, wie man sie gerne von Weltbürgern hört.

Ein Beispiel: Beim Einbürgerungsverfahren einer bosnischen Frau in Winterthur verlor man die Linie zwischen Wahrheiten und Unwahrheiten. Die Aussage «Sie spricht kein Wort Deutsch» hat drei Jahre lang die Öffentlichkeit getäuscht. Dann aber, als der Regierungsrat über das Amt für Gemeinden und berufliche Vorsorge herausfand, dass die Frau sich auf Deutsch sehr wohl verständlich ausdrücken kann, sagte einer der zehn Gemeinderäte, die gegen die Einbürgerung Beschwerde eingelegt hatten, man habe die Frau fünfzehn Minuten angehört und sich ein falsches Bild gemacht. Ein anderer sagte bloss, er habe sich nicht aus fremdenfeindlichen Motiven an der Beschwerde beteiligt, er wollte, dass ein unabhängiges Urteil über diesen heiklen Punkt gefällt würde.

 

Wir Bürger dürfen jetzt Steine im Reis auslesen.

Das Problem liegt eben in diesen falschen Bildern, und diese falschen Bilder liefern uns heute Eindrücke aus der Schweiz, die Gold wert sind: Der Sohn jener bosnischen Frau, die während Dutzender Monate mit der Einbürgerung und danach mit der Beschwerde hingehalten worden war, sagte der Presse: «Ich ärgere mich einzig darüber, dass die Staatskasse die Kosten für das aufwändige Verfahren tragen muss. So bezahlen wir alle daran.»