Ein Messer im Rücken

 

St.Galler Tagblatt

15.05.2007

Autorin: Eva Bachmann

Ein Messer im Rücken

Yusuf Yesilöz hat mit «Lied aus der Ferne» erstmals einen Krimi geschrieben

Gerichtsreporter und «Tatort»-Fans wissen es längst: Beim Verbrechen zeigt eine Gesellschaft ihr wahres Gesicht. So betrachtet ist es nur auf den ersten Blick überraschend, dass der Winterthurer Schriftsteller kurdischer Herkunft Yusuf Yesilöz einen Krimi geschrieben hat.

«Lied aus der Ferne» beginnt mit einem Türken mit einem Messer im Rücken. Es ist Abbas Düren, ein abgelehnter Asylbewerber, der laut Polizeiakten vor Jahren schon aus der Schweiz ausgereist ist. Polizist Schenker findet zwar schnell eine Spur, die zum Sänger Kalo Baran führt, der mit einer Schweizer Rechtsanwältin verheiratet ist. Der verhält sich wohl verdächtig, aber als Täter kommt er nicht in Frage.

Die Ermittlungen stocken, weil die Türken der Polizei gegenüber lieber schweigen. Schenker muss ihr Vertrauen gewinnen, oder aber mit Drohungen bis an die Grenze des Legalen Informationen erzwingen. Am Ende puzzelt er das Bild einer Familie zusammen, die einst gehofft hatte, in der Schweiz ein besseres Leben zu finden, hier zerrissen wurde und in die Illegalität geraten ist – manche selbstverschuldet, andere hatten keine Wahl.

Yusuf Yesilöz hütet sich davor, schwarz-weiss zu malen. Auf der Seite der Polizei gibt es Fremdenhasser, Sexseiten-Surfer, Unparteiische und Kulturinteressierte. Auf der Seite der Kurden gibt es Legale und Illegale, Arbeitende und Herumhängende. Mit Kalo Baran zeichnet Yesilöz ausserdem sehr differenziert das Bild eines Grenzgängers zwischen den Kulturen. Bei der Polizeiarbeit hingegen läuft der Roman oft ein bisschen leer. Lebendig sind vor allem die Dialogsituationen in den Verhören. «Lied aus der Ferne» ist ein Krimi, der sich mit dem Leben der Türken in der Schweiz befasst. Mit kritischen Fragen zu sozialen Konventionen auf beiden Seiten – aber auch mit einem liebenswerten Humor. (eba)

Yusuf Yesilöz: Lied aus der Ferne. Limmat, Zürich 2007, Fr. 34.–

 

artikel drucken seite schliessen