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Enttäuschte
der Geschichte
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf St.
Galler Tagblatt; 11.03.2003; Seite 27
Kultur
Die
Kurden drohen in einem Irakkrieg einmal
mehr zwischen die Fronten zu geraten.
Weder die Türkei noch der Irak anerkennen
ihre kurdischen Minderheiten - und unter
sich sind die Kurden zerstritten.
Von
Yusuf Yesilöz
Die
Zeit wird kommen, jede Zeit hat ihre Reihe
/ Untergehen werden Gewalt und Zwang. /
Die Unterdrückten werden sich erheben mit
aufgeklärter Kraft / Die Zeit kommt, in
der Menschen frei reden können. / Der
Verstand wird in den Köpfen herrschen /
Dann wird man sich erinnern an Feqiye
Teyran.
Wie
in den Zeilen des kurdischen Dichters
Feqiye Teyran, der im 17. Jahrhundert
gelebt hat, bangen Kurden heute einmal
mehr um ihre Geborgenheit und ihren
Frieden. Einmal mehr wird die kurdische
Geografie zum «Gastgeber» eines
gigantischen Krieges mit modernsten
Waffen. Dass heute die Leader der
irakischen Kurden die US-Soldaten, welche
sie in der Geschichte mehrmals wie heisse
Kartoffeln fallen gelassen hatten, in
ihrer Region willkommen heissen, ist ein
Ausdruck ihrer Verzweiflung.
Sie
fürchten, das brutale Regime Saddam
Husseins würde sie wie vor fünfzehn
Jahren mit chemischen Waffen angreifen und
die türkische Armee würde in ihren
Gebieten eine Invasion durchführen. Im
Viereck der Länder Türkei, Irak, Iran
und Syrien, die das kurdische Territorium
besetzen und vom Gedanken eines
demokratischen Pluralismus weit entfernt
sind, ist die Angst der Kurden ohne
Unterstützung des Westens nicht zu überwinden.
Land
in vier Stücken
Das
Land der Kurden wird von Forschern als
eine Wiege der Kulturen und Religionen
bezeichnet. Kurdische Kultur ist alt,
reich und vielfältig. Die kurdische
Identität leidet unter einer politischen
und militärischen Bedrohung, wogegen sie
sich ständig wehrt.
Der
Einsatz der Kurden für die Freiheit
machte oft Schlagzeilen auch in westlichen
Medien. Kurden waren immer die Verlierer,
sei es in der Zeit um den Ersten
Weltkrieg, als ihr Land in vier Stücke
geteilt wurde, oder im Golfkrieg 1991, als
Millionen von ihnen von Saddam zur Flucht
gezwungen wurden, oder bei der dubiosen
Verhaftung von PKK-Führer Abdullah Öcalan
in Kenia, der in der Hoffnung, das
Kurdenproblem in die europäische Arena zu
tragen, im Herbst 1998 zunächst nach
Italien gelangte.
Innerkurdische
Streitereien
Warum
verlieren immer die Kurden? Bestimmt könnte
man dafür Dutzende Gründe nennen: vom
Fallenlassen durch ihre Verbündeten bis
zu innerkurdischen Rivalitäten oder
fehlendem nationalem Bewusstsein. Die
Uneinigkeit der Kurden über ihre Zukunft
ist ihnen zu oft zum Verhängnis geworden.
Dass sie sich in den Neunzigerjahren
gegenseitig bekämpften, kostete sie in
der Welt einige Sympathien. Die Tatsache,
dass mein bester Jugendfreund, der
Ingenieur studiert hat, Mitte der
Neunzigerjahre als Kämpfer der
Arbeiterpartei Kurdistans PKK in einem
Gefecht zwischen der PKK und der
Demokratischen Partei Kurdistans PDK von
Massud Barzani getötet wurde, ist für
mich sehr schmerzlich.
Die
PKK bezichtigte die PDK als Handlanger des
türkischen Staates, die PDK ihrerseits
die PKK als eine Feuerzange des syrischen
oder gar türkischen Staates, die eine
kurdische Autonomie verhindern will. Es
ist eine Ironie der Geschichte, dass PKK-Führer
Abdullah Öcalan, der auf der Gefängnisinsel
Imrali in Isolationshaft sitzt, Jahre später
einräumte, der Krieg mit den irakischen
Kurden sei ein Fehler gewesen, während
die PDK heute die Türkei als die grösste
Gefahr für die Kurden bezeichnet.
Das
kurdische Wunder
In
Südkurdistan (Nordirak) haben die Kurden
nach vielen verlorenen Kämpfen eine
wirtschaftlich und kulturell aufblühende
Region geschaffen. Es gibt heute Universitäten
und mehrere Fernsehsender. Minderheiten
wie christliche Assyrer oder muslimische
Turkmenen verfügen über ihre kulturellen
und politischen Rechte. Es wird von - für
den Nahen Osten bemerkenswerten -
demokratischen Ansätzen und einem
kurdischen Wirtschaftswunder berichtet.
Dieses Modell eines aufblühenden Südkurdistans,
dessen Wirtschaft nicht zuletzt dank des
UNO-Abkommens «Öl gegen Nahrung» belebt
wurde, stellt für die Türkei eine ständige
Provokation dar, die sie im Schatten des
Krieges gegen Saddam Hussein zerstören
will. Die türkischen Regierungen
wiederholten mehrmals, dass ein
Selbstbestimmungsrecht der irakischen
Kurden für die Türkei ein Kriegsgrund
ist. Die ausdrückliche Erklärung der
Kurden, keinen unabhängigen Staat
auszurufen, wird von der Türkei
ignoriert.
Tauziehen
um Stationierung
Die
Umsetzung der Vereinbarung der USA mit der
Türkei, rund 50 000 türkische Soldaten
in den Nordirak einmarschieren zu lassen,
bedroht in erster Linie die Hauptopfer
Saddam Husseins, nämlich die irakischen
Kurden. Eine entsprechende Vorlage der
islamistischen Regierung wurde zwar am 1.
März vom türkischen Parlament trotz der
Unterstützung der Armee, der Wirtschaft
und der führenden Medien knapp abgelehnt.
Diese Absage darf aber nicht als endgültig
betrachtet werden, denn die Stationierung
der 61 500 US-Soldaten in der Türkei
versprechen der ruinierten Wirtschaft
Milliardenhilfe und hohe Dollarkredite.
Die
Intervention des türkischen Generalstabs
Hilmi Özkök am 5. März, die Türkei dürfe
nicht «draussen» bleiben, sie müsse auf
Seite von Amerika kämpfen, ist eine klare
Botschaft, dass eine zweite Vorlage in der
nächsten Zeit im Parlament angenommen
wird.
Die
Kurden befürchten im Kriegsfall die Zerstörung
ihrer Strukturen durch den türkischen
Staat, welcher die Grundrechte seiner rund
zwanzig Millionen «eigenen» Kurden
verleugnet und versucht, auch gegen die
Kurden jenseits der türkischen Grenzen
vorzugehen. Die türkische Sorge, die
irakischen Kurden könnten «vor ihrer
Nase» einen eigenen Staat gründen, den
sich ihre Brüder in der Türkei zum
Vorbild nehmen könnten, ist durch die
Anerkennung der rund vierzig Millionen
Kurden in der Region zu überwinden. Der
Dialog mit den Kurden bringt der Türkei
letztlich mehr.
Yusuf
Yesilöz
Der
Autor wurde in einem kurdischen Dorf in
Zentralanatolien/Türkei geboren und kam
vor fünfzehn Jahren als Flüchtling in
die Schweiz. Er ist eingebürgert und lebt
als freier Autor in Winterthur. Zuletzt
ist von ihm das Buch «Der Gast aus dem
Ofenrohr» (Rotpunktverlag Zürich)
erschienen.
Lesung
am Mittwoch, 12. März, 19.30 Uhr, im
Festsaal Katharinen, St. Gallen, im Rahmen
der kurdischen Kulturtage «Weben fürs
Leben».
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