Erfahrung einer Freundschaft

 

STEFAN BUSZ

Der Landbote; 20.01.2006

Der Schriftsteller Yusuf Yesilöz erzählt in seinem neuen Film vom Heimischsein in der Fremde: in Winterthur.

WINTERTHUR – Vor zwei Jahren hat Yusuf Yesilöz, geboren 1964 in der Türkei, heute Schriftsteller in Winterthur, an den Solothurner Filmtagen seinen ersten Dokumentarfilm vorgestellt. In «Hungern gegen Wände» führte der Weg von einer Landschaft des Schreckens in die Schweiz, und befangen war damals noch das Bild: dort die Folter in der Türkei, hier das Paradies auf Zeit. Mit seinem zweiten Film «Zwischen den Welten» ist Yesilöz jetzt einen Schritt weitergegangen; er erzählt, wieder in

zurückhaltend dokumentarischer Form, die Lebensgeschichte von Güli Dogan. Sie kam einst als Kind aus einem türkischen Bergdorf nach Winterthur und fühlte sich hier lange Zeit fremd, als Türkin und auch als Schweizerin – heute arbeitet die 35-jährige Frau auf dem Winterthurer Einwohneramt.

«Zwischen den Welten» ist ein Film über den Abschied von einer Kindheit, und die Sehnsucht nach einer Rückkehr gehört natürlich dazu. Vor allem aber ist es ein Film über das Leben im Hier und Jetzt in Winterthur. Und zu diesem Glück des Daseins gehört immer auch die Erfahrung der Freundschaft. – Das Lied von der Migration, manche sängen es gar schön, sagte Yesilöz an der Premiere an den Filmtagen in Solothurn: manche aber verstehen die Bedeutung nicht. Yesilöz kommt in seinem Film ohne Fremdwörter aus, er zeigt einfach, was es bedeutet, unterwegs auf eigenen Wegen zu sein, und er findet, unterstützt von Dieter Gränicher und Kameramann Hansueli Schenkel, dafür die richtigen Bilder.

Einfach zuhören

Denn Yusuf Yesilöz, der vom eigenen Herkommen in Geschichten wie «Der Gast aus dem Ofenrohr» (2002) und «Der Iman und die Eselin» berichtete, ist auch als Regisseur ein guter Erzähler, denn er hat die Gabe des Zuhörens und lässt die Menschen, die er im Bild porträtiert, ganz einfach zu Wort kommen.

Da ist die Tochter mit ihrer Erinnerung an ihren Vater. In der ersten Zeit war er ihr fremd. In Winterthur gab es von ihm keine Geschenke mehr wie früher auf Besuch in der Türkei, der Vater unterstützte vor allem die Söhne, auf sie setzte er alle Hoffnung. Später war der Vater aber sehr stolz auf die Tochter. «Er konnte sich manchmal kaum satt sehen», sagt Güli Dogan, «dass seine Tochter, die Migrantin des Dorfes, jetzt dort bei einer Amtsstelle hinter dem Schalter sitzt und für den Staat arbeitet.»

Da ist auch die Schweizer Freundin Sandy Burri. In der Schule hat sie einmal Güli Dogan auf einem Spaziergang die Hand gereicht, von diesem Moment sind die beiden Freundinnen geworden, in guten wie auch in schlechten Zeiten. «Wenn Sandy nicht in mein Leben getreten wäre, dann wäre ich in meiner Mentalität stecken geblieben, die ich von zu Hause mitbekommen hatte.»

Vom Fiasko zur Liebe

Das sind die beiden Welten. Dazwischen ist aber alles. Die Begegnung mit der Schweizerin, so zeigt der Film, ermöglicht aber erst auch den Zugang zur eigenen Kultur. Die erste Heirat mit dem Cousin war ein Fiasko, weil vom Vater arrangiert. Es kam zur Trennung, einige Zeit später heiratete Güli Dogan zum zweiten Mal – den gleichen Mann, diesmal aus Liebe. «Wir haben uns beide verändert», sagt Güli Dogan.

Integration heisst auch, dass man den Zugang auch zur eigenen Kultur (und Religion) immer wieder neu finden muss. «Zwischen den Welten» ist auch ein Beitrag zu diesem Verständnis. Zu den schönsten Szenen dieses Films gehört die Begegnung mit der älteren Schwester in der Wohnung der Mutter, erst vor zwei Jahren haben sie sich wieder zusammengefunden. Die Schwester ist auf Besuch im Dorf gewesen, von der Reise hat sie Fotografien mitgebracht. Sie zeigen die verfallenen Häuser, auch das Grab des Vaters, die Berge, den hohen Himmel. Güli Dogan betrachtet die Bilder und hat Tränen in den Augen. Irgendwann wird sie sich mit den Kindern auf die Reise machen – um ihnen, die nur Winterthur kennen, auch diesen Ort zu zeigen. Zwischen den Welten, dieser Ort kann überall sein.