|
Destination
Europa
St.Galler
Tagblatt, 6. Oktober 2004
Ist
die Türkei ein europäisches Land?
Von
Yusuf Yesilöz
Seit
im Dezember 1999 die Türkei von den
Regierungschefs der damaligen EU-Länder
zur Beitrittskandidatin gekürt wurde,
wird die Frage häufiger gestellt, ob die
Türkei ein europäisches Land sei. Die
Meinungen gehen auseinander: Für die
einen ist es klar, eine muslimische Türkei
ist kein Teil des christlichen Europa. Für
die anderen ist die Türkei als einziges
muslimisches Land mit einem säkularen
Staatswesen beitrittswürdig, wenn sie die
Werte der EU annimmt und die
Menschenrechte nicht wie bisher mit Füssen
tritt. Der grösste Teil der Wirtschaft,
sowohl in Europa als auch in der Türkei,
ist an einem EU-Beitritt sehr
interessiert.
Leitkultur
türkisch
Die
türkische Republik wurde nach dem Ende
des einst mächtigen osmanischen «Vielvölkerstaates»
1923 unter Führung von Mustafa Kemal Atatürk,
einem Militäroberhaupt, gegründet. Der
damalige Gründerkern, die so genannten
Jungtürken (viele von ihnen waren
Hochschulabsolventen in der Schweiz), übernahm
das Erbe der Osmanen, das sie als Trümmer
bezeichneten. In diesen Trümmern lagen
viele Völker mit ihren eigenständigen
Kulturen. Inoffizielle Stellen zählten in
Anatolien 28 Völker. Anerkannt wurden
1923 nur die Türken und ihre Kultur,
alles andere sollte wortwörtlich «eingeschmolzen»
werden. Das arabische Alphabet wurde durch
das lateinische ersetzt. Mit den von oben
herbeigeführten «prowestlichen Reformen»
wollte man sich radikal von der
Vergangenheit verabschieden. Die Folgen
der türkisch-nationalistischen Politik
von damals nähren immer noch viele
Probleme von heute: Die Kurden kämpfen
seit 80 Jahren um die Anerkennung ihrer
Identität. Die wichtigen Ressourcen des
Landes wurden für den Krieg gegen die
Kurden gebraucht. Die alten, nicht
muslimischen Völker Anatoliens, wie die
Griechen und Armenier, mussten das Weite
suchen. Das in der osmanischen Zeit verübte,
von der türkischen Republik einbetonierte
Massaker an den Armeniern bleibt ein
Konfliktherd im Kontakt mit dem
Westen.
Erzwungene
Reformen
Einerseits
bemüht sich die Türkei seit rund vierzig
Jahren, ein Mitglied der Europäischen
Union zu werden, andererseits erlebte das
Land in diesen vierzig Jahren drei blutige
Staatsstreiche, die das Land auf einem
totalitären Kurs hielten. Im Hinblick auf
den EU-Beitritt hat die Regierung in den
letzten Jahren nun gewisse «Lockerungen»
vorgenommen. Die rund zwanzig Millionen
Kurden - grosse EU-Befürworter - haben im
ganzen Land fünf private Kurse eröffnen
dürfen, in denen sie ihre Muttersprache
lernen. Auch die gemässigten Islamisten
sehen im EU-Beitritt eine Chance: Sie
erhoffen sich als Teil eines
pluralistischen Europas mehr
Religionsfreiheit, unter anderem das
Tragen des Kopftuchs in der Schulklasse.
Hingegen ist es naiv zu glauben, dass die
Regierung die Folter abgeschafft hat; sie
gehört sozusagen zur Tradition der
Sicherheitsbehörde. Die Demokratisierung
der Türkei findet, wenn überhaupt, auf
Druck der Europäischen Union, die ihre
Werte diktiert, statt. Es scheint, dass
die Türkei sich weiterhin gegen eine Veränderung
im Sinne der EU wehren wird. Jede gewünschte
Änderung führt wie kürzlich beim
Konflikt «Zina» (ein Gesetz, das
Ehebruch mit Haft bestraft) zu einem
Eklat. Der Wunsch der Türkei ist es, dass
sie akzeptiert wird, wie sie heute ist,
und dass sie von der
EU profitieren darf. Es wird ein sehr
langer Weg, bis die türkische
Gesellschaft sich die EU-Werte aneignet.
In der ganzen Diskussion um den
EU-Beitritt in den letzten Jahren war das
Niveau nicht das einer demokratischen
Logik. Das wichtigste Argument der EU-
bzw. Demokratiebefürworter war: «Wenn
wir keine Reformen akzeptieren, werden wir
nicht in die reiche EU aufgenommen.»
Die
Barriere
In
Europa gibt es eine grosse Skepsis gegenüber
einer muslimischen Türkei. Viele Kräfte
versuchen, aus religiösen und kulturellen
Gründen den Sprung über den Bosporus zu
verhindern. Die Emotionen werden nach
einem allfälligen Datum für Aufnahme der
Beitrittsgespräche noch hochgehen.
Gesellschaftsthemen wie Ehrenmorde,
Blutrache, Zwangsheirat, Polygamie, die
bisher vielmehr als «Traditionen eines
von uns weit entfernten Landes»
betrachtet wurden, bekommen immer mehr
Gewicht. Wohlhabende religiöse türkische
Familien schicken heute ihre Töchter für
ein Studium nach Wien oder London, wo sie
mit Kopftuch in die Klasse dürfen, was
ihnen in ihrem Land verboten ist. Bestimmt
aber werden mit der Zeit viele EU-Länder
dem Beispiel des französischen
Kopftuchverbots in der Schule folgen. Es wäre
ein Gewinn für das christliche Europa,
ein muslimisches Land aufzunehmen - ein
Land aber, das trotz seiner «anderen»
Religion die demokratischen Werte wie
Menschenrechte, pluralistisches Denken
oder die Freiheit des Individuums
angenommen hat. Das wäre ein Gegengewicht
zur Kluft, die seit dem 11. September 01
immer tiefer wird. Ob die Türkei, die
trotz ihres Staates mit
Demokratiedefiziten auf einem alten
Kulturerbe sitzt, ein europäisches Land
ist, ist auch davon abhängig, wie sehr
Europa multikulturell werden möchte und
wie weit Europa und die Millionen
Euro-Muslime zu einem respektablen
Zusammenleben finden. Aufschlussreich ist
da die Frage, die der französische
Premier Jean-Pierre Raffarin kürzlich
gestellt hat: «Wollen wir, dass die Flut
des Islam in das Bett der Laizität mündet?»
|