Das Lied aus der Ferne

 

 Die Wochenzeitung; 02.08.2001; Seite 5, Schweiz

 

Gemischtes Eheglück, gemeinsames frühstück

 

Yusuf Yesilöz*

Auf der Strasse folgten die Autos einander wie Ameisen. Er sass am Steuer, ihr Lieblingslied übertönte den Verkehrslärm: «Fliegt, Kraniche / in die Weite / zu meinen Lieben / bringt meinen warmen Gruss / und mein Herz / an die Orte, die ich liebe.» Das kürzlich gekaufte blaue Auto war nach dem Geschmack von beiden. Das frühere hatte zwar Zentralverriegelung, aber keine Fernbedienung, mit der es sich öffnen liess.

 

Sie waren unterwegs zum Ausgangspunkt ihrer Wanderung. Es war Sonntag. Nach einem späten Frühstück, das er Brunch nannte, waren sie gestartet. Es war das einzige gemeinsame Frühstück in der Woche. An den übrigen Wochentagen ging er in der Morgendämmerung aus dem Haus. Als Chefbuchhalter wollte er unbedingt eine Stunde vor seinen Untergebenen im Büro sein.

Er schätze es sehr, mit seiner Frau zu wandern, und zog dies einem Besuch in der Kirche vor. Ihre Wanderung begann wie die Wanderungen von hundert anderen Paaren und Familien an diesem Tag bei Zürchermüli. Die Fahrt dorthin dauerte anderthalb Stunden. Sie hatten schon kurz nach der Hochzeit die Abmachung getroffen, dass beide je die Hälfte von allen Arbeiten machen. So wechselte er nach einer Dreiviertelstunde vom Steuer auf den Nebensitz.

 

Er war froh, dass sie letztes Jahr endlich die Fahrprüfung gemacht hatte. Früher musste er sie wöchentlich mindestens einmal zu einem Treffen mit ihren Landsleuten fahren, und selbstverständlich musste auch er jeweils mindestens einen gebratenen Lammspiess essen. Mit der Zeit konnte er das Wort «Lamm» nicht mehr hören. Er war auch nicht daran interessiert, sich spontan mit ihren Landsleuten zu treffen, den ganzen Tag zu reden, zu lachen. Und abends verfolgte sie am liebsten via Satellit das Fernsehprogramm aus ihrer Heimat, die sie vor zwölf Jahren verlassen hatte, besonders die Nachrichten und die Talkshows, die auch in ihrer Muttersprache Talkshows hiessen.

 

Er fand es wichtig, sich alles gut zu überlegen, Besuche drei Monate im Voraus zu planen. Und wenn er abends vor zehn Uhr von der Arbeit nach Hause kam, suchte er alle Kanäle durch, bis er eine Tiersendung gefunden hatte. Fand er keine, hatte er in seiner Bibliothek Tierbildbände. Sein Fernseher stand im Wohnzimmer, ihrer im Schlafzimmer.

 

Ihre zierliche Statur schaute hinter dem Steuer hervor wie die Sonne hinter den Wolken. «Oy Heimat Oy Heimat / du bist ein Sonnenaufgang / meine letzte Freude. / Ich werde die verlorenen Jahre wieder finden.» Die Sängerin aus ihrer Heimat sang ihr melancholisches Lied, da begann er zu klagen. Wo eigentlich ihr Enthusiasmus geblieben sei, fragte er sie. Gestern habe er sich alle Mühe gegeben, sei extra früh nach Hause gekommen, um sie davon zu überzeugen, dass man endlich wieder einmal wandern gehen könne. Und sie habe nicht anders zu reagieren gewusst, als wieder einmal mit den Worten ihrer Mutter zurückzufragen, ob sie eigentlich Gänse seien, dass sie auf die Berge gehen, wenn es weit und breit keine Herde einzutreiben gebe. Er schwieg eine Weile, dann fragte er sie, ob sie ihn noch liebe. Natürlich, sagte sie, sonst wären wir nicht seit über zehn Jahren zusammen, und ob das etwa kein Beweis sei. Auch diese Antwort war ihm nicht neu.

 

Vor zwölf Jahren war es Liebe auf den ersten Augenblick gewesen. Er war damals als Einkäufer für ein Schweizer Warenhaus in der Türkei auf der Suche nach Oliven. Sie war die Tochter des Olivenhändlers. Er sei der Mann, den sie suche, sagte sie ihm, und kam mit ihm in die Schweiz. Ihr Vater war über die Heirat seiner Tochter derart verärgert, dass er diesem Warenhaus keine Oliven mehr verkaufte. In der Schweiz war sie wie ein Vogel, der ein neues Nest bauen musste. Dafür hatte er Verständnis; er trug den bürokratischen Kram mit den Behörden für sie aus. Damals schien sie den Bekanntenkreis ihres Mannes sehr zu schätzen, und er war stolz auf die mediterranen Kochkünste seiner Frau und lud seine Freunde gerne ein.

Das Auto war ordentlich parkiert, gemächlich zogen sie in Richtung Hundwilerhöhe. Er hatte solide Wanderschuhe an den Füssen, einen Stock in der Hand und ein Taschenmesser im Rucksack. Sie war so gekleidet, als ob sie zu einer Hochzeit gingen. Als der Weg steinig wurde, begann er wieder zu klagen: Nie seien sie höher als bis auf diesen Hügel gestiegen. Nie wolle sie neue Wege kennen lernen. An Bergwanderungen oder Skitouren wage er schon gar nicht mehr zu denken. Er hatte ihre Antwort erwartet: Ob sie denn Eskimos seien, fragte sie, die sich mit Skiern auf die Jagd begeben müssten; sie aber könnten doch beim Metzger so viel Fleisch kaufen, wie sie wollten.

 

Nun wollte er die Rede auf das Telefon von gestern Nacht kurz vor Mitternacht bringen. Eine ihrer vielen Cousinen hatte angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie am Mittag nach Hause telefoniert habe; dort regne es endlich, alle seien sehr glücklich, und man erwarte nun eine gute Getreideernte. Hätte die Cousine nicht bis morgen warten können, um diese Freudennachricht mitzuteilen, hätte er sie nun fragen wollen. Doch sie war jetzt daran, sich vor ihrem Taschenspiegel zu schminken. Ihr kräftiges schwarzes Haar glänzte.

 

Er schaute auf die Ortschaft am Fusse des Hügels hinunter und dachte nach. Er dachte an jene Nacht, als sie seine Tochter aus erster Ehe abholen ging. Das Telefon hatte damals nach Mitternacht geklingelt. Es war seine Tochter, die mit Freunden unterwegs war und den letzten Zug verpasst hatte. Seine Frau holte sie ab und fuhr auch noch all ihre Kolleginnen nach Hause, jede bis vor die Haustüre. Das erzählte er am nächsten Tag einem Arbeitskollegen, und er sagte dazu, er glaube, dass seine Ehe nicht auf Sand gebaut sei.

 

Kurz darauf schlug er seiner Frau eine Ehetherapie vor. Er wollte die Defizite in ihrer Ehe, die er festgestellt hatte, abbauen. Doch sie meinte, dass in ihrem Land nur Verrückte zum Psychiater gehen würden, und so weit seien sie doch noch nicht.

Später empfahl ihnen ein gemeinsamer Bekannter - ein grauhaariger Mann, den sie beide für weise hielten - in ihrem Haus drei Welten zu bauen: die der Frau, die des Mannes, die gemeinsame. Das probierten sie seither.

Sie machten sich auf den Rückweg. Er wollte sich abends mit einem Arbeitskollegen für eine Velotour treffen; seit er mit seiner Frau verheiratet war, ging er nie mehr Velo fahren. Er wusste, dass sie nach der Wanderung im Sinn hatte, zu einem Treffen ihrer Landsleute in einem Park am Bodensee zu gehen. Dort würde sie sicher wieder Lammfleisch braten, Lieder aus ihrer Heimat singen, essen, trinken und spielen bis in alle Nacht.

Er hatte viel darüber nachgedacht, warum ihre Landsleute immer zusammen sein wollten. An Weihnachten zündete sie immer eine Kerze an für ihre Freunde, die die Feiertage zu Hause verbrachten. Er war bei unzähligen Beschneidungsfesten im Kirchgemeindesaal dabei.

 

Sie hatten eine lange gemeinsame Vergangenheit, es verband sie viel. Auch ihr Einfamilienhaus in seinem Wunschquartier mit den zwei Garagen und dem Feuerkamin war auf dem Grundbuchamt auf die Namen von beiden eingetragen.

 

*Yusuf Yesilöz, geboren 1964 in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien, kommt 1987 als Flüchtling in die Schweiz, lernt die deutsche Sprache, in der er Mitte der neunziger Jahre zu schreiben beginnt, und lebt heute als freischaffender Autor und Übersetzer in Winterthur. Er ist verheiratet mit einer Schweizerin. Publikationen: «Vor Metris steht ein hoher Ahorn» (Gefängnistagebuch, Unrast Verlag 1998), «Reise in die Abenddämmerung» (Rotpunktverlag 1998), «Steppenrutenpflanze - eine kurdische Kindheit» (Rotpunktverlag 2000).