Sonntagszeitung, 20.November 2005

 

Kalter Wind am Bosporus

 

Yusuf Yeşilöz über die Gewalt am Rand des Fussballspiels von Istanbul

 

Selten war in der Schweiz das Interesse an der Türkei so gross wie im Vorfeld der Barragespiele für die WM-Qualifikation. Das war ein Beweis dafür, dass der Sport auch Annäherung ermöglicht. Nicht der runde Ball selbst, sondern die Dynamik rund um das Spiel hat auch mich, den Nicht-Fussball-Interessierten, auf diesen Match aufmerksam gemacht.


Nach dem 2:0-Sieg im Hinspiel gratulierten zunächst türkische Kommentatoren der «starken Schweizer Mannschaft». Die gute Stimmung kippte aber schnell, als türkische Medien berichteten, der Schweizer Stürmer Alex Frei habe den türkischen Trainer Fatih Terim beschimpft und ihn gar tätlich angegriffen. Dem Verlierer Terim gelang es, den Pfeil der Kritik von sich ab- und in Richtung «Verletzung der nationalen Ehre» umzulenken.


Das ist einer der Gründe, warum in der Türkei die Emotionen geschürt wurden und die Schweizer Mannschaft am Montag in Istanbul mit lächerlichen Plakaten wie «Hurren Son Frei» oder «Willkommen in der Hölle» empfangen wurde. Solche Ausdrücke sind zwar auf Türkisch geläufige Schimpfwörter, gehören aber nicht zum Wortschatz der Mehrheit der Bevölkerung.


Am Flughafen von Istanbul setzten sich Fanatiker in Szene –geduldet von den Sicherheitskräften. Der Fussball ist in der Türkei das wichtigste Massenvergnügen. Die Identifikation der armen, vom Land zugewanderten Städter mit der türkischen Fahne ist unheimlich stark. Selbst der Sportminister stellte sich bedingungslos hinter Trainer Terim. Türkische Fussballfunktionäre schürten die Hassstimmung, und diese entlud sich am Mittwoch am Ende des Barrage-Spiels.
Es ist nicht das erste Mal, dass in der Türkei eine Gastmannschaft mit Gewalt und Schikanen neben dem Fussballplatz eingeschüchtert wird. In wacher Erinnerung  bleibt der tragische Vorfall vom April 2000 in Istanbul: Nach einem Match zwischen den Clubs Galatasaray und Leeds United wurden zwei britische Fans erstochen. Wir dürfen aber trotzdem nicht sagen, Gewalt beim Fussball sei ein spezifisch türkisches Phänomen. Der Begriff «Hooligan» ist englischen Ursprungs. Die Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Basler Fans und Zürcher Polizei sind auch noch frisch.


Dass in Istanbul Fussballspieler geschlagen wurden, ist ein Skandal. Es wäre aber unfair, daraus den Schluss zu ziehen, die Türkei sei des angestrebten Beitritts zur Europäischen Union nicht mehr würdig. Das würde voraussetzen, dass es in Europa beim Fussball nie zu Gewalt kommt. Das volle, laut pfeifende und schimpfende Stadion am Bosporus leerte sich  schliesslich ohne grosse Zwischenfälle.
Das Bild schlagender türkischer Sicherheitsleute ist uns nicht fremd. Es ist nicht lange her, da die Schweizer Medien immer wieder Fotos zeigten von türkischen Polizisten, die mit Knüppeln auf Demonstranten einschlugen. Der Kampf für die Demokratie ist in der Türkei längst nicht gewonnen. Er braucht die Unterstützung des Westens. Die Mehrheit der Bevölkerung Anatoliens – seien es Türken oder Kurden, Aleviten oder sunnitische Muslime – verurteilt solche Gewalt und ist für die europäischen Werte.


Die Türkei hat eine grosse Kulturvielfalt und eine beachtliche Dynamik. In der Öffentlichkeit wird oft an die Vernunft appelliert. Soll sich das Image ihres Landes verbessern, müssen sich die Vernünftigen gegen die lautstarken Nationalisten durchsetzen – auch beim Fussball. Sonst verstärkt sich der Wind, der ihnen in Europa seit längerem ins Gesicht bläst. Die britische «Times» schrieb kürzlich: «Kinder der Ottomanen können nicht ohne Schlägerei sein.» So denken in Europa manche.