Meine Haut

 

© ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2001-10-12; Seite 5; Nummer 41

 

Von Yusuf Yesilöz

Ich bin Afghane. Heute nehmt ihr mich viel eher wahr. Endlich spricht man auch von mir. Nicht wegen meiner schwarzen Augen. Ich existiere aber seit eh und je. Mich gab es auch vor den Taliban und Osama Bin Laden. Ich bin dreissig, habe zwei Drittel meines Lebens im Krieg verbracht. In den letzten zwei Jahrzehnten habe ich Tausende meiner Geschwister in den Flüchtlingslagern verloren. Heute wird in meinem Land versucht, durch Bombenangriffe den ersehnten Frieden herbeizuführen. So einen durch Raketen erzwungenen Frieden wie einst im Irak. Vor gut zwanzig Jahren drangen zuerst Soldaten der Sowjetunion in mein Land. Sie wollten mir ihre Uniform, die sie zehn Jahre später selber in den roten Kübel warfen, überziehen. Gegen die Sowjetmacht haben die Amerikaner Bin Laden ausgebildet. Ihren einstigen Zögling und meinen Befreier, der ihnen heute die Augen aushöhlen und mir den langen Bart über das Gesicht ziehen will.

 

Ich habe die Angriffe auf das World Trade Center in New York scharf kritisiert. Ich wusste, dass ich die Rechnung für den Angriff zu begleichen habe. Mit dem Angriff habe ich nichts zu tun, und vom Angriff habe ich keinen Profit. Ich bin weder machthungrig, noch mehrt sich Bin Ladens Geld in meiner Bank. Mir fehlt meine Ruhe und endlich Frieden. Vielleicht wollt ihr mich vom Übel der Taliban befreien, die meiner Schwester die Ausübung ihres Berufs, den sie im Schatten des Krieges erlernt hatte, verbaten. Wie vermisse ich doch ihre schönen Hände, die sie heute verstecken muss. Ich bin sehr gespannt, welcher Tyrann noch aus meiner vertrockneten Erde herausspriessen wird. Die Krawatte tragenden Fernsehsprecher werden euch mit ausgewählten Live News via CNN übersättigen. Ich dagegen werde meine Propagandainformationen von den bärtigen Taliban im Namen Allahs erhalten.

 

 Einen gemeinsamen Verlust haben wir: die Wahrheit, die in einem Krieg nichts zu suchen hat.

Heute bekomme ich aus der Luft neben Raketen auch Konservendosen und Getreidesäcke auf den Kopf. Diese Hilfsmittel hätten wir schon viel früher gebraucht. Der Helfer hat aber die Macht, über den Zeitpunkt der Verteilung zu verfügen. Dazu erhebt er noch den Anspruch auf Dank. Versucht doch ein einziges Mal, euch in meine Haut zu versetzen.