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Hinweise
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2001-05-25; Seite 5;
Nummer 21
Von
Yusuf Yesilöz
Dass
der Begriff «Integration» zurzeit in
vielen Kreisen der Schweiz eines der
begehrtesten Worte ist, war mir klar. Aber
dass eine vor Publikum verlesene Biografie
mit Sätzen wie «Er ist auch sehr gut
integriert» ausgestattet würde, habe ich
nicht erwartet. Auf dem Nachhauseweg im
Zug sinnierte ich nach der Veranstaltung
über diesen wie vom Himmel gefallenen
Satz und versuchte herauszufinden, wann
ich das erste Mal den Begriff «Integration»
wahrnahm.
Zunächst
dachte ich, dass ich in die ersten Jahre
meiner Schweizer Migration gehen müsste.
Zu meinem Erstaunen landete ich doch
wieder in meiner Kindheit: Es war das Jahr
1974. Damals war der berüchtigte türkische
Islamist Necmettin Erbakan acht Monate
lang an einer Regierungskoalition mit den
Sozialdemokraten beteiligt. In diesen acht
Monaten war Erbakan ständig unterwegs, er
wollte alle Städte und Dörfer in
Anatolien besuchen. Jeden Tag weilte er in
mindestens zwanzig Ortschaften. Eine
seiner Neigungen bestand darin, dass er in
jedem Dorf, in jeder Kreisstadt zunächst
in die Moschee ging, wo er betete, bevor
er zu einem versammelten Publikum von gläubigen
Menschen, seinen Fans, sprach. Obwohl ein
ganz aufrichtiger Muslim nur fünfmal am
Tag zum Gebet verpflichtet ist, machte
Erbakan es zwanzigmal; offenbar wollte er
beeindrucken. Seine zweite Neigung war,
dass er in jedem Dorf eine Fabrik bauen
wollte und dafür am Tag seines Besuches
den Grundstein legte. Dies trotz der wie
immer leeren und hoch verschuldeten
Staatskasse. In Kürze stand vor jedem
Dorf und jedem Weiler eine in einem
Atelier mit farbiger Schrift geschriebene,
in die rote Erde hineinbetonierte,
ordentliche Tafel mit Hinweisen wie «Mudurnu
Tavukculuk Entegre Tesisleri» - «Hühner-Integrations-Anlage
Mudurnu» oder «Anadolu Tarim Ürünleri
Entegre Tesisleri» - «Anatolische
Integrations-Anlagen für Agrarprodukte»
und so weiter. Unklar war, ob die Bauern -
vielleicht auch Erbakan selbst - den
damals aus dem Westen frisch in die Türkei
eingereisten Begriff «Entegre» in ihrer
Sprache verstanden haben.
Erbakans
Regierungszeit ging vorbei. Die Anlagen
und Fabriken wurden natürlich nicht
gebaut. An den stabilen Pfeilern der Tafel
aber befestigten die Hirten ihr Esel und dösten
in der Mittagshitze in deren Schatten.
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