|
Klasse
©
züritipp (Tages-Anzeiger);
2002-10-18; Seite 5; Nummer 42
Von
Yusuf Yesilöz
Wenn
die Veranstalter schon ein
Erstklassbillett zahlen, dachte sich Kalo
kürzlich, dann könne er ja mal dieses
Angebot in Anspruch nehmen und auf
bequemen Sitzen reisen. Wie immer im Zug
breitete er seine kurdische Zeitung aus;
und auch die farbige türkische im
Grossformat, wie einen Tscharschaf. Ein älterer
Herr setzte sich ihm gegenüber und legte
sich sein Notebook auf die gebügelten
Hosen.
Es
war das zweite Mal, dass Kalo auf diesen
Sitzen sass, so weich und breit, als wären
sie nur für Übergewichtige gemacht
worden. Das erste Mal war er wegen seines
«Nicht-integriert-Seins» erste Klasse
gefahren. Einmal, in seinen ersten Monaten
in der Schweiz, hatte er es sich in der
First Class bequem gemacht, oder wie man
im Kurdischen sagt, «seine Fürze tanzen
gelassen». Dreieinhalb Minuten vor Ende
seiner Fahrt war aber der Kondukteur
gekommen und hatte Kalo aufgefordert,
entweder die Differenz zur zweiten Klasse
zu zahlen oder die Klasse zu wechseln. Er
hatte daraufhin seine Fahrt im Gang
beendet. Das war aber lange her, Kalo
hatte es fast vergessen.
Plötzlich
übersetzte der ältere Herr die Überschrift
in Kalos Zeitung, ein Wort über die türkische
Wirtschaftskrise. Bevor Kalo reagieren
konnte, klappte er sein Notebook zusammen
und erzählte ohne Unterbruch alles, was
er von der Türkei kannte. In Bursa habe
er das Osman-Bey-Museum besucht. «Haha!»,
sagte Kalo, als wäre er auch schon dort
gewesen. Er kannte diesen ottomanischen Kämpfer
nur aus Schulbüchern.
Der
Grauhaarige erzählte auch von der schönen
Landschaft am Marmarameer, besonders die
Strecke von Istanbul nach Bursa habe es
ihm angetan. Er fragte, ob Kalo diese
kennen würde. Kalo wollte weder die Lust
des Mannes verderben noch die Atmosphäre
vergiften und sagte sich deshalb nur
innerlich, dass auch er einmal diese
Strecke gefahren sei, allerdings in einem
Gefangenentransporter. Schliesslich schwärmte
der Grauhaarige von seinem Ausflug auf den
Berg Uludag. Da konnte Kalo endlich wieder
mitreden. «Die türkischen - oder auch
kurdischen - Neureichen machen dort
Winterferien und zeigen einander ihre
Skiausrüstungen, die sie in der Schweiz
oder anderswo gekauft haben», flüsterte
er ins Ohr des Alten, der offensichtlich
ein zielstrebiger Reisender war und am
Ende seiner Reise natürlich mehr wissen
sollte. Und Wissen ist da, um es
weiterzugeben.
|