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Kleider
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-05-03; Seite 5;
Nummer 18
Von
Yusuf Yesilöz
Anfang
März strahlte Nelly Wenger,
Generaldirekto-rin der Expo.02, über das
ganze Gesicht, als hätte sie eine lang
ersehnte Brautbotschaft erhalten. Ihr
strahlendes Foto wurde von den meisten
nationalen und lokalen Zeitungen der
Schweiz abgedruckt. Am Vortag hatte das
Schweizer Parlament der Expo-Leitung einen
letzten Kredit von 120 Millionen Franken
zugesprochen.
Wir
vernehmen nun, die fünf Arteplages seien
kreativ, mutig, offen, vielfältig und so
weiter. Die Neugier sei geweckt, betont
der Künstlerische Direktor Martin Heller
und freut sich, dass schon einen Monat vor
der Eröffnung 1,3 Millionen Tickets
verkauft wurden. In den letzten Jahren
hatte man von der Landesausstellung vor
allem wegen finanzieller und personeller
Krisen gehört. Sogar die Übernahme der
Expo durch den Konkursverwalter wurde
prophezeit, das reiche Land wagte aber
nicht, der Welt zu zeigen, dass sein
gigantisches Projekt an Geldmangel
gescheitert ist. Die privaten Sponsoren
verloren ihr Interesse, der Bund musste
den Geldhahn weit öffnen und am Schluss
zwei Drittel der Kosten übernehmen.
Nun
ist es aber so weit, dass die Expo trotz
all dieser Turbulenzen bald ihre Tore öffnet
und täglich Tausende von neu-gierigen
Menschen zur Aus- stellung reisen.
Erwartet wer-den 4,8 Millionen Besucher -
eine enorme Zahl. Dazu eine Million guter
Touristen aus dem Ausland! Das Eröffnungsspektakel
wird natürlich von sich reden machen. Die
Schweiz feiert ein Fest, für das sie
Milliarden von Franken zahlte, und will
daher für einen Sommer in Feststimmung
sein. In anderen Ländern feiert man häufiger
und billiger: Zwei Männer spielen mit
Oboe und Trommel, das Volk tanzt und tobt
um sie herum. Auch während dieses Festes
werden wir in den Schweizer Medien von
Kriegen und Hungersnöten anderswo hören.
Ich
habe die Schweiz als scheu erlebt. Sie
bekommt jetzt während rund 160
Ausstellungstagen ein neues Kleid. Eine
Eigenschaft hat man von der Geburt bis zum
Tod, sagt man in meiner Sprache. Als ich
einst sechzehn war, gab meine Mutter mir
ihr ganzes Geld für den Kauf eines blauen
Anzugs. Sie wünschte sich, dass ich an
der Hochzeit eines angesehenen Nachbarn
wie die anderen in der Reihe tanze. Trotz
des neuen Anzugs konnte ich meine Scheu
nicht überwinden, um zu tanzen.
Irgendwann ist das neue Kleid alt
geworden.
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