Kontrolle

 

© ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2002-01-04; Seite 5; Nummer 1

 

Von Yusuf Yesilöz

Kalo besucht jeden Freitagabend seine Schwester, die in einer schweizerischen Grenzstadt wohnt. Er unterhält sich mit ihr bis zur Abfahrt des letzten Zuges über das Dorf, ihre Heimat, die sie vor Dutzenden von Jahren verlassen haben. Nie hat er einen früheren Zug genommen.

Im Zug muss Kalo dann nicht nur die guten und fettigen Speisen der Schwester, sondern auch seine ewig gleiche Begegnung mit den Grenzbeamten verdauen. Anfangs störte es Kalo schon, dass er vom bärtigen, runden Zöllner und seinem jungen Kollegen als Einziger kontrolliert wurde, sofern da keine anderen Artgenossen im Waggon sassen. Er hoffte still, der Beamte würde ihn auf seiner Jagd nach illegal Einreisenden bald kennen. Die Zeremonie aber hielt an: Der Zug, aus Deutschland kommend, fährt am Bahnhof mit Lautsprecheransage ein. Der Grenzbeamte ist immer schon im Zug, er steigt nicht aus, sondern schaut aus dem Waggonfenster auf Kalo. Kaum hat Kalo im Abteil seine Jacke ausgezogen, kommt der Beamte zu ihm und spricht die berüchtigten Worte «Uuswiis bitttte». Als der Bärtige einmal eine schwarze Frau nach ihrem Ausweis fragte - sie zeigte dann einen EU-Pass -, war Kalo insgeheim etwas erleichtert.

 

Kalo dachte über Möglichkeiten nach, dem Bärtigen auszuweichen. Er begann - schön gekämmt - stets dieselbe Jacke zu tragen, wenn er zu seiner Schwester fuhr. Einmal zeigte er dem Beamten höflich neben seiner CH-ID-Karte auch das Generalabonnement, den Personalausweis seiner Firma, den Geburtsschein seines Kindes, einen Kontoauszug, den Mietvertrag und viele Papiere mehr. Alles nutzlos. «Uuswiis bitttte, ich mach nur mini Uufgab!», der Bärtige diktierte die Nummer von Kalos ID-Karte ins Funkgerät.

 

Kalos Verzweiflung stieg wie das Wasser in der Thur nach einer Regenwoche. Er überlegte lange, bis ihm die rettende Idee wie durch einen Engel kam: Als der Beamte an der Tür des Waggons erschien, stand Kalo auf, lief auf ihn zu und sagte den Satz, den er zwei Tage lang auf Schweizerdeutsch geprobt hatte: «Hoi, Ernscht, häsch' hüt abig ä chli z'vil gsoffe, gäll?» Der Beamte lief rot an und schaute verwirrt auf andere Passagiere. Er wandte sich an Kalo: «Uuswiis bitttte!» Kalo zeigte seinen Ausweis, nicht ohne anzumerken, dass er «den Ernscht» bald anzeigen werde, weil dieser im Dienst Alkoholisches getrunken habe.

 

Das nächste Mal hatte der Beamte tatsächlich ein gutes Gedächtnis und beliess es bei scharfen Blicken auf Kalo - vom Gang aus.