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Filmische
Reisen ins Landesinnere
STEFAN
BUSZ
Der
Landbote; 23.01.2006
Die
Solothurner Filmtage sind vorbei. Was
bleibt? Vielleicht die Erinnerung an ein
Fest in einer schon fast vergessen
geglaubten Zeit: in Indien zum Beispiel.
Oder in Zermatt.
SOLOTHURN
– «Zwischen den Welten»: keine anderer
Filmtitel (wie der des Winterthurers Yusuf
Yesilöz) passt besser zu den diesjährigen
Solothurner Filmtagen, die gestern zu Ende
gingen, denn Solothurn ist immer noch ein
Ort der Passage. Wer hierhin kommt, mit
kleinem oder grossem Gepäck, reist nach
ein paar Tagen gleich wieder weiter –
vorgeführt wird in Solothurn immer nur
ein Zwischenstand der Dinge. Alles ist
hier noch im Fluss, und der Gleichmut der
Aare, die am Festivalzentrum Landhaus
vorbeizieht, gibt das Bild vor. Für einen
Moment macht hier das Boot des Schweizer
Films fest, um sich später weitertreiben
zu lassen, vielleicht bis an das Meer.
Mit
Wörtern aber kommt niemand ans Ziel: Fast
mantramässig wurde in Solothurn das
Begriffspaar Qualität und Popularität
vorgetragen, und jeder Redner, von
Festivalleiter Ivo Kummer bis zu Bundesrat
Pascal Couchepin, nahm für sich in
Anspruch, verbindlich für den Schweizer
Film zu sprechen (als ob es ihn so gäbe).
Weiter führt diese Diskussion, die in
Solothurn zur Polemik ausuferte, nicht,
denn eigentlich liegt jeder Film zwischen
diesen kulturpolitischen Welten: Er ist
ein Universum für sich.
Yusuf
Yesilöz hat dies, um noch einmal
auf seinen Film zurückzukommen, vorgeführt.
Er vertraut darauf, was er sieht, und erzählt
so ganz
einfach
Geschichten. Zum Beispiel darüber, was
Integration auch bedeuten kann: Fondue.
Schrecklich fand eine Kurdin einst die
Schweizer Küche. Jetzt im Alter ist
Fondue eine ihrer Lieblingsspeisen.
Auf
dem Trip
Den
umgekehrten Weg geht «Hippie Masala»,
der Dokumentarfilm von Ulrich
Grossenbacher und Damaris Lüthi. Dort
isst Hansueli, den es in die
Himalaya-Region von Indien verschlagen
hat, Lasagne und sieht der Bauer aus der
Schweiz im Ashram-Dorfladen Gläser mit
Hero-Konfi, träumt er von Berlinern, die
ihm seine indische Ehefrau zubereiten
muss. «Hippie Masala» erzählt von
Menschen, die in den sechziger Jahren der
grossen Party bis nach Indien gefolgt
waren und dann, weil sie nicht anders
konnten, in diesem Land blieben. Da ist
Cesare aus Italien, der ein Yogi wurde. Er
hat jahrelang unter Bäumen gesessen und
sich in einen Zustand der Leere gebracht.
Da ist die belgische Asketin, die in der
Not Touristen mit spirituellen Anleitungen
versorgt. Da der holländische Kunstmaler,
der seinen Frieden mit seiner Welt
gefunden zu haben scheint. Und da ist eben
Hansueli, er lebt in seiner eigenen Welt
und ist doch nirgends daheim. Er will noch
viel machen aus seinem Haus und will glücklich
sein. Irgendwie kommt immer etwas
dazwischen. Am liebsten hat Hansueli seine
Kühe – natürlich neben der
Haschpfeife. Ein Kiffer, wie aus einem
Gotthelf-Roman.
Der
neue Lenz
Noch
immer ist Solothurn ein guter Ort für den
Schweizer Dokumentarfilm, Yesilöz'
«Zwischen den Welten» und «Hippie
Masala» sind hier die besten Beispiele.
Das Genre des Spielfilms hat hier einen
viel schwerenen Stand – Qualität und
Popularität stehen hier oft einer
Premiere entgegen. Eine Ausnahme ist «Lenz»,
der neue Film von Thomas Imbach («Happiness
is a Warm Gun»). Lenz ist hier ein
Filmemacher aus Berlin, der Büchners «Lenz»
im Kopf und Gepäck hat. Die Erzählung
gibt ihm die Vorlage, aus den Vogesen, wo
es neblicht und nässlich ist, ins Gebirg
weiterzureisen. Der Berg, den Imbachs Lenz
so fasziniert, ist das Matterhorn, und in
Zermatt findet der Vereinsamte auch wieder
Familienanschluss – der Sohn macht dort
gerade mit dem Kindermädchen Ferien. Lenz
wäre aber nicht Lenz, wenn er nicht ab
und zu in den Brunnen fallen würde, seine
Vorstellung von Romantik hat immer auch
mit Wasser zu tun – das Übrige macht
der Alkohol. Über einige Zeit geht die
Kombination aber recht gut, Lenz kommt
auch wieder in die glückliche Nähe zu
seiner Freundin. Dann aber zerbricht
atmosphärisch recht viel, und die Nebel
ziehen wieder am Matterhorn auf.
Es
gibt ein Zurück
Ein
hochkomplexer Film, der versucht, Lenzens
Figur aus der Literatur in die Gegenwart
der Bilder zu bringen – und manchmal
wird auch eine Predigt draus: für den
Autorenfilm, der sich alles erlauben kann,
auch den Blick auf das touristische
Zermatt, Matterhorn als Ausnahme
inklusive. Aber es gibt wenig Schweizer
Filme, die so verzweifelt traumhaft sind.
Immer wieder wird auch gesungen, es sind
die alten Lieder, und manchmal tritt ein
Zustand der Ruhe ein: wenn Lenz mit seinem
Kind allein sein kann. Filme können für
eine Passage in die Kindheit gut sein.
Imbach setzt ganz auf dieses Ticket, auch
wenn er weiss, dass es kein Zurück in die
Erinnerung gibt.
Vom
Dunkel des Kinos geht es aber am Abend
wieder zurück. Der letzte Zug von
Solothurn nach Winterthur fährt um 23.05
Uhr. Und so sehen sich viele, die sich
sonst nicht so sehen, für einmal auf dem
Bahnhof, schon wieder ganz zwischen den
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