|
Lied aus der Ferne
© Tages-Anzeiger; 22.03.2007; Seite 26
Bellevue
Lied aus der Ferne
Wie überleben Kurden und Türken in der Fremde? Yusuf Yesilöz zeigt in seinem Buch mit ironischem Blick Strategien auf. Als Anlass nimmt er einen Mord im Migrationsmilieu.
Von Claudia Porchet
Yusuf Yesilöz kam vor zwanzig Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Heute lebt er mit seiner Familie in Winterthur, macht Filme, übersetzt, engagiert sich für die SP und schreibt Bücher. Eben ist sein sechstes erschienen. «Lied aus der Ferne» handelt von der Ermordung eines papierlosen Ausländers. Doch wie immer bei Yesilöz schwingen Themen wie Migration und Integration und der Brückenbau zwischen den Kulturen mit.
Vom Kebabstand über den Polizeiposten bis zum Migros-Restaurant, alles scheint von einer fein registrierenden Kamera aufgezeichnet zu sein. Yesilöz verfasst seine Texte so, wie auch seine Dokumentarfilme entstehen: Er versucht stets, eigene Beobachtungen und Erfahrungen so genau wie möglich wiederzugeben. Das waren in «Steppenrutenpflanze» Genrebilder aus der Kindheit, in «Reise in die Abenddämmerung» eine politische Verfolgungsjagd und in «Der Gast aus dem Ofenrohr» politische Verfolgung, Flucht aus der Türkei samt Ankunft in der Fremde.
Wieso nicht über Emigranten lachen?
Fantasiegeschichten haben den 43-Jährigen, der in einem kurdischen Dorf in Mittelanatolien aufgewachsen und 1987 in die Schweiz kam, noch nie interessiert. Yesilöz ist ein Autor, der vermitteln und Vorurteile abbauen will. Dafür benötigt er Distanz - zu sich selbst, seiner Geschichte, zu Menschen und den Milieus, über die er schreibt: Die (fremde) deutsche Sprache und das Mittel der Ironie helfen ihm dabei.
Yesilöz setzt Zerrbildern von linker wie rechter Seite differenziertere, wenn auch ungeschminkte Porträts von Türken und Kurden entgegen. «Parteipropaganda, wie sie die SVP betreibt, ist gefährlich, weil sie die Eingewanderten pauschal angreift», führt der nachdenkliche Mann mit der leisen Stimme aus. Gleichzeitig werde das Gewaltpotenzial, das etwa von Skinheads ausgehe, ausgeblendet. Umgekehrt falle in linken und christlichen Kreisen kein negatives Wort, weil man dort Angst habe, als Rassist abgestempelt zu werden.
Yesilöz greift zur Feder, um Berührungsängste abzubauen, und statt Fremde zeigt er Menschen aus Fleisch und Blut, die es nicht selten faustdick hinter den Ohren haben. «Über die Österreicher machen die Schweizer ja auch Witze, warum nicht auch über Eingewanderte? Es sind Menschen wie du und ich.»
Das neue Buch des Autors bringt den Leser denn auch immer wieder zum Lachen: Der Polizeibeamte Schenker trifft während seiner Ermittlungen in einer Kleinstadt auf unterschiedlichste Gestalten aus dem Migrationsbereich. Ob Begriffsstutzigkeit oder unsägliche Deutschkenntnisse den Figuren dabei manchmal auch ganz gelegen kommen, ist dabei nicht immer klar. Lächerlich sind Yesilöz’ Personen, ob Künstler, Glücksspieler, biedere Familienväter oder Mütter, allerdings nie. Dafür nimmt er seine Mission zu ernst und spricht auch Themen an, wie Isolation und Unsicherheit, denen Ausländer ausgesetzt sind. Und abgesehen von der spannenden Geschichte, die Yesilöz mit ernstem Unterton und viel Witz erzählt, bekommt man ganz nebenbei einiges an historischen und politischen Hintergründen mit.
Yusuf Yesilöz: Lied aus der Ferne. Limmat-Verlag, Zürich 2007. 34 Franken. Buchvernissage 30. März, 20 Uhr, Stadtbibliothek am Kirchplatz, Winterthur.
|