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Mandate
©
züritipp (Tages-Anzeiger);
2003-01-17; Seite 5
Von
Yusuf Yesilöz
Die
Vorweihnachtseinkäufe fand ich, ehrlich
gesagt, etwas übertrieben. Hoffentlich
freuen sich die Kids noch an ihren
Geschenken. Die Geschäftsinhaber hätten
am liebsten auch ihre alten Regale
verkauft. Man hat das Gefühl, nach
Weihnachten finde das Leben ein Ende:
Alles muss vor den Feiertagen erledigt
werden, vielleicht schreiben manche noch
schnell ihr Testament. Die
Einkaufszentren, Strassen, Busse und Züge
sind voller Menschen. Einkaufstaschen
nehmen mehr Sitze in Anspruch als
Personen.
Als
ich kurz vor Weihnachten in einem derart
über-füllten Zug reiste, sagte plötzlich
ein älterer Herr mit zwei Geschenktaschen
«Gruezi, Herr Migrant!» zu mir. Ein
unerwarteter Satz, so als fiele einem im
Hochsommer vom Stalldach ein Eiszapfen auf
den Kopf. Sprachlos war ich und glaubte
zunächst, dass der Mann allein auf Grund
meines Aussehens auf diese Idee gekommen
sei. Oder, sinnierte ich weiter, er kennt
mich, kann meinen Namen nicht aussprechen
und macht das der Einfachheit halber so.
Ich war verlegen wie ein
Weihnachtsgeschenk, nahm aber meinen Mut
zusammen und fragte ihn, warum er mich mit
diesem Titel begrüsst habe. «Wissen Sie
warum?» sprach der Mann, der sich mir
vergnüglich widmete. «Weil Sie in Ihren
Texten nur Migrationsthemen ansprechen!»
Er lächelte. «Das stimmt nicht ganz, ich
erzähle auch von der Tante», wollte ich
ihm entgegnen; er aber sprach weiter: «Sie
leben in diesem Land, Sie benutzen zum
Beispiel heute die Bahnschienen, Sie müssen
auch andere Themen ansprechen!» Es waren
Grossvater-Ratschläge. Ich überlegte
schnell, wie ich dem Mann sagen sollte,
dass ich nächstes Mal ein rein
schweizerisches Thema angehe. Der
Grossvater sprach währenddessen auf mich
ein wie ein Wasserfall und klärte mich
sogar über die Rayonordnung für
Asylbewerber in Meilen auf.
Zum
Glück kam mir eine kleine Idee zur Hilfe:
Wissen Sie, mein Herr, warum ich heute in
der 2. Klasse nach Bern fahre?» - «Nein,
ich nehme an zu Kollegen.» - «Ich gehe
nach Bern, um für das Präsidium der FDP
zu kandidieren, deren Spitzenkandidaten
Volksinteressen gegen ihre
Firmeninteressen eintauschten.» Dann
doppelte ich nach, dass ich schon dreizehn
Verwaltungsratsmandate innehätte,
darunter jene von «LimmatKebabproduktion»,
«StauffacherPizzaconnection» und «SäntisImbisketten.»
Er gab mir Weihnachtsguetsli.
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