Mema Bedient

 

© ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2001-12-07; Seite 5; Nummer 49

 

Von Yusuf Yesilöz

Der Chef des Restaurants wünschte sich, dass Mema, die inoffizielle Personalchefin, sich persönlich um einige neu angekommene Gäste kümmerte. Ein junger Zürcher Volksvertreter sei mit seinen Parteigenossen gekommen, deren Anhänger auch der Chef sei. Der hohe Gast wisse aber nichts davon. Der Chef wolle keine Farbe bekennen, denn von der anderen politischen Seite würden auch Gäste ins Restaurant kommen. Mema solle schauen, dass alles klappe.

 

Auch Mema hatte diesen Gast schon früher gesehen. Ein Freund hatte ihn kürzlich als den Steigbügelhalter der Eselin des letzten Propheten vom Zürichsee bezeichnet. Er gab zwar wenig Trinkgeld, dafür war er ein Stammgast des Betriebes. Mema gab sich jeweils Mühe, in ihrem Schweizerdeutsch Fehler zu vermeiden, den breiten Zürcher Akzent zu sprechen, wenn dieser hohe Gast da war. Er hatte sie schon einmal gefragt, wo sie herkomme. Sie hatte lachend erwidert, dass sie Schweizerin sei. Wenn er sie gefragt hätte, warum ihr Deutsch so gebrochen sei, hätte sie die Antwort schon bereit gehabt: Ihr Deutsch sei deshalb so ä chlii komisch, weil sie lange im Ausland gelebt habe. Ihr Vater sei Diplomat, ihre Mutter Dolmetscherin gewesen, im Dienste des EDA, sie sei in allen vier Ecken der Welt aufgewachsen, habe halt das Schweizerdeutsch mal mit polnischem, manchmal mit usbekischem Akzent gelernt.

 

Während Mema, die inoffizielle Chefkellnerin, den Gast nun bediente, erzählte er seinen Kumpanen, die er als Steigbügelhalter auszubilden trachtete, dass ihm Qualität sehr wichtig sei, egal in welchem Bereich. Man müsse, wenn nötig, mit der Schweizer Armee gegen Missbräuche kämpfen. Schweizer Betriebe sollten schauen, dass sie solch gutes Personal wie diese Frau hier beschäftigen, nicht solche, die Massenabfertigung betrieben. Nur so könne die Schweiz vorankommen und die Kriminalität - dieses Wort erschien ihm anscheinend oft im Traum und riss ihn aus seinem süssen Schlaf - bekämpfen. Das alles erzählte er, während seine Blicke immer wieder zu Memas schwingenden Hüften abschweiften, die im Kopf des Steigbügelhalters wohlige Gefühle auslösten.

 

Der Restaurantchef wusste, welches Personal er zu welchem Gast schickte. Der hohe Gast wusste aber vieles nicht, unter anderem, dass die gute Bedienerin eine Papierlose war.