|
Mulmig
©
züritipp (Tages-Anzeiger);
2002-12-13; Seite 5
Von
Yusuf Yesilöz
Yusuf
Yesilöz lebt als Schriftsteller in
Winterthur. Seine Bücher erscheinen im
Rotpunkt Verlag. 1987 kam er als
kurdischer Flüchtling in die Schweiz.
Es
ist der 25. November 2002, der Tag nach
der knapp gescheiterten Asyl-Initiative
der schweizerischen
Volksmissbrauchspartei. Ich laufe durch
Oerlikon. Die schwere Atmosphäre der
Strasse an diesem Morgen flüstert mir ins
Ohr: Jede zweite Person, die an die Urne
ging, war Befürworterin einer Initiative,
die den Flüchtlingsstatus praktisch
abschaffen sollte. Das Gefühl ist mulmig.
Ich laufe am Kiosk vorbei. Die Zeitungsüberschrift
ist fett gedruckt: «Haiders Partei verlor
bei den Wahlen zwei Drittel ihrer Stimmen.»
Was nützt heute Schadenfreude? Das Plakat
mit dem Titel «Gegen Asylmissbrauch»
klebt noch an der Werbetafel und grinst
heimtückisch.
Ein
Bekannter, Flüchtling der 80er-Jahre,
kommt mir entgegen. Er ist aufgebracht.
Kaum ein «Merhaba», sofort kommt unser
Gespräch auf die Abstimmung. Auch er fühlt
sich von der Anti-Flüchtlingskampagne
persönlich ange-griffen. Seine vier
einheimischen Arbeitskollegen benäh-men
sich seit zwei Monaten ihm gegenüber
anders. Sie beleidigten ihn mit
unangenehmen Sprüchen. Ob nicht er zu
sensibel geworden sei, frage er sich.
Nein, die Kollegen hätten Sprüche gegen
Ausländer gemacht und darüber gelacht.
Die
Herren der SVP scheuen sich nicht, die
Menschenwürde be-stimmter Volksgruppen zu
ver-letzen. Die Moral ist den
Cash-liebhabern egal. Man fragt sich, ob
diese Herren, die in meinem Dorf nur dazu
fähig wären, die Eselin des Hirten zu hüten,
wissen, was die Verletzung der Menschen-würde
überhaupt ist. Nach ihren Worten hat man
das Gefühl, die Schweizer hätten das
Wort Justiz nicht gekannt, bevor Flüchtlinge
ins Land kamen.
26.
November 2002. Ich lese in einer Schule.
Viele schweizerische Eltern sind da. Auch
viele DolmetscherIn-nen. Sie sollen mit
den wenigen erschienenen Eltern der
fremdsprachigen Kinder über die Schule
reden und die Wünsche dieser Eltern ins
Deutsche übersetzen. Das Publikum wird in
den Sprachen der Schweiz begrüsst:
Albanisch, Italienisch, Kurdisch,
Serbokroatisch, Türkisch... Schöne
Sprachen schwimmen in der Luft des Saals.
Das mulmige Gefühl vom Tag vorher macht
Platz für einen Garten mit vielen Blumen
und für die Feststellung: Wenn die Zürcher
Crew unter Christoph Blocher heute keine
Lieder in diesen Sprachen hören will,
dann werden wir eben später auf ihrem
Grab ausländische Klagelieder singen.
|