Der Neffe bin ich

 © ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2001-06-22; Seite 5; Nummer 25

Von Yusuf Yesilöz

Die Begegnungen in der Schweiz, positive wie negative, geben einem die Gelegenheit, alles mit der Realität seines Herkunftslandes zu vergleichen. Bis heute bin ich auf keinen Emigranten gestossen, der die Fremde nicht beklagt. Das ist nicht nur in der Schweiz so. Einmal sagte ein Nachbar meiner Eltern, der sich einige Jahre später als die anderen Landsleute im Dorf angesiedelt hatte, dass er als Fremder gesehen werde, auch dann, wenn er auf den höchsten Punkt des Minaretts steige und vierzigmal wiederhole, er sei ein Einheimischer.

So gesehen könnte man die Begegnungen mit dem Fremd-Sein mit einem Kaktus vergleichen. Man sollte die Fähigkeit entwickeln, ihn auf dem Nachhauseweg derart zu halten, dass er einen nicht sticht, bevor er blüht. Bis heute habe ich meistens von der schöneren Seite dieser Pflanze erzählt. Die schmerzenden folgen vielleicht später.

Kürzlich sass ich in Winterthur in einem Café. Um diese spätere Vormittagszeit würden hier nur Pensionierte und Arbeitslose Kaffee trinken und dabei selten mit Noten bezahlen, sagte mir einmal die Serviererin und fragte mich, von welcher Sorte ich sei. Während ich nun also die Tageszeitungen durchblätterte, merkte ich, dass ein gut aussehender älterer Mann mich unaufhörlich beobachtete. Weder er noch ich konnten uns wirklich auf unsere Zeitungen konzentrierten. Kurz darauf fragte er mich in vier Sprachen - Englisch, Spanisch, Französisch, sogar Serbokroatisch, nicht aber auf Deutsch -, woher ich komme. Ich, an diesem Tag gut gelaunt, entgegnete spontan, dass ich Tessiner sei. Der Mann prüfte mich mit strengem Blick. Schliesslich richtete er seine Hand gegen mich. «Nein», sagte er auf Deutsch, «Sie sehen gar nicht so aus!»

«Doch, doch. Ich komme aus dem Tessin. Ich bin ein Neffe von Franco Cavalli», gab ich gelassen zur Antwort. Er staunte. Dann sprach er zum Nebentisch, an dem drei Frauen sassen: «Wer isch de scho wider gsi?» - «Das ist der Arzt, der seinen Lohn mit dem Spital teilt!», klärten ihn die Frauen auf. Der Mann war einen Moment lang stumm. Dann, mich anstarrend, verkündete er mit lauter Stimme: «Hochachtung! Hochachtung!» Er las weiter in seiner Zeitung und ich in meiner. Ohne mein «fremdes» Aussehen in diesem Café hätte ich diese Geschichte wohl verpasst.

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