|
Plakate
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-02-08; Seite 5;
Nummer 6
Von
Yusuf Yesilöz
In
der Schweiz gibt es mehr Wahltage als
Sonnentage. Am 3. März ist es wieder so
weit, dass wir im Kanton Zürich wichtige
politische Posten besetzen. Die ganze
Schweiz darf sich sogar entscheiden, ob
sie der Uno beitreten will. Nicht nur die
Einkaufsalleen, auch smogbelastete
Autostrassen sind voller Wahlplakate.
Frauen und Männer zeigen sich von ihrer
schönsten Seite und bei bester Laune.
Gesagt wird in diesen Tagen ebenfalls nur
Schönes. Die Männer tragen auf den
Bildern die gleiche Uniform. Die Hacke des
letzten Propheten vom Zürichsee zerstückelt
(bis jetzt nur auf dem Plakat) die
Neutralität der Schweiz. Bei einem
Verlust wird er sich für die Gründung (s)einer
Dynastie stark machen. Auch die Flugblätter
der Parteien sind zum Verwechseln ähnlich.
Ich,
ein Viertel der Bevölkerung, enthalte
mich der Stimme. Mich in die einheimischen
Angelegenheiten einmischen! Beide Augen
sollen mir ausfallen, wenn ich so etwas
beabsichtige! Ich möchte nur auf einen im
Wahlkampf verdorrten Ast hinweisen, nämlich
darauf, dass um die muslimischen Stimmen
nicht wirklich geworben wurde. Zum Glück
bin ich weder Wahlstratege noch
Wahlkampfleiter. Ich hätte gar nicht
gewusst, wie ich meine Partei für diese
interessante Gruppe hätte attraktiv
machen können. Hätte ich bei
Gratis-Ayran und -Kebab den Muslimen einen
eigenen Friedhof in der Stadt versprochen,
dann hätten sie sicher noch mehr
verlangt; vielleicht einen Stadtratssitz,
worüber sich genügend Schweizer die
Haare raufen würden. Bessere Förderung für
fremdsprachige Schulkinder zu verlangen,
ist nicht mehr nötig, weil alles so glatt
wie auf Eis läuft. Hätte ich für den
Muezzinruf aus den Bahnhofslautsprechern
plädiert, so wollten die Muslime dies
garantiert im Gesetz verankert sehen.
Eine
Chance wurde jedoch verpasst: Die
angehenden Stadträte hätten vor den
Wahlen die heilige Stadt Mekka besuchen können
und wären von dort mit dem äusserst
angesehenen Titel «Hadsch Dr. Martin»
oder «Hadsch Dr. iur. Yoissef» zurückgekehrt.
Mit diesen Titeln wären die muslimischen
Stimmen ohne grosse Anstrengungen gefangen
wie das Rebhuhn in der Jägertasche.
Verzeiht
mir, dass ich euch heute so
unwahrscheinliche Dinge erzählt habe.
Aber die Aussagen der KandidatInnen ähneln
einander so sehr - manche lesen die Verse
eben umgekehrt vor.
|