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Putsch
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-09-20; Seite 5
Von
Yusuf Yesilöz
Die
Absetzung von Christoph Marthaler als
Intendant des Zürcher Schauspielhauses
Anfang dieses Monats sorgte bei der Bevölkerung
der ganzen Schweiz für Erregung. Die
Universitäten stellten die Schweizer
Fahnen auf halb-mast, Bars servierten kein
Bier, Imbisse verkauften keinen Kebab,
StudentInnen liefen, statt an jenem
regnerischen Tag schwimmen zu gehen, in
Scharen ins Theaterhaus Gessner-allee, um
die Zürcher Putschisten zu zwingen, den
Entscheid rückgängig zu machen. Die
MigrantInnen standen an jenem Tag der
Solidarität nicht Schlange vor den
Vertretungen der EU-Länder. Sie
bekundeten ihr Mitgefühl mit dem lieben
Christoph, dessen Theater sie fleissig
konsumieren.
Einen
Lastwagen voll Taschentücher brauchten
sie, um ihre Tränen fortzuwischen. Nicht
einmal ihre Kinder schickten sie zur
Schule, um am Abend weinen zu können,
anstatt sich wegen der Hausaufgaben den
Kopf zu zerbrechen. In den
Durchgangszentren des Landes, insbesondere
in den unterirdischen, herrschte Trauer,
als wäre jedem die Mutter gestorben;
weder wurde gegessen, noch wurden
Steuergelder abgeholt, noch hat man sich
um das erneut verschärfte Asylgesetz gekümmert.
Von Asylbewerbern, die sich in ihren Ländern
in Putschangelegenheiten gut auskannten,
wurden über diese beängstigende
Entwicklung in unserem Lande Lieder
komponiert: «Wir geben Kohle/ihr
feuert/wir singen/ihr tanzt/wir
schlucken/ihr schreckt.»
Dass
die Absetzung Marthalers auch bei Ausländern
zu Depressionen führte, ist unter anderem
darauf zurück-zuführen, dass Roger de
Weck, ehemals Chefredaktor mehrerer
Zeitungen, ein Fadenzieher der
organisierten Kundgebung war. Ihn, dessen
linke Ader sich durch die Absetzung
reaktivierte, kannte man noch aus einem
Film, der von einem während der
Abschiebung im Kanton Wallis getöteten,
Pardon: gestorbenen Asylanten berichtete.
Man
war sehr berührt, als de Weck damals die
Zinsen seiner Ersparnisse und die Almosen
für die Drehkosten des Filmes einer
jungen Ex-Asylantin zur Verfügung
stellte. Er zog vor dem Bundesgericht an
den Zügeln seines Pferdes und sagte den
Polizisten, die den Ausschaffungshäftling
zum Ersticken gebracht hatten und gerade
vom Bundesgericht freigesprochen worden
waren: «So nicht!»
Damals
allerdings kamen keine Studentenscharen an
die von ihm angekündigte Kundgebung - die
waren an diesem schönen Tag im Lac Léman
baden.
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