Kalos Ruhe

 

© ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2001-11-09; Seite 5; Nummer 45

 

Von Yusuf Yesilöz

Kalo stammt aus Anatolien, wo er in seiner Jugend im überfüllten und verrauchten Dolmus (Sammel-Taxi) oder im Sommer im offenen Laderaum eines Krupp-Camions umherreiste. In der Schweiz kommt er sich ein bisschen wie ein Verräter vor, wenn er im Ruhewagen des Intercity seine Beine genüsslich ausstreckt. Als loyaler Zugfahrer nimmt er das Angebot gerne wahr, die im Vergleich zu Anatolien viel kürzeren Strecken im IC-Quiet-Area-Wagen zu fahren. Es wäre ja denkbar, dass die SBB den Ruhewagen als eine Geste für ihren Bundesrat Moritz Leuenberger eingeführt haben, damit der fleissige Zugfahrer sich auf der Reise in Ruhe in die Dossiers der schweizerischen Luftfahrtfinanzierung vertiefen kann. Oder vielleicht hat er im Rahmen seines Service public dies so verlangt, um das Zugfahren zu fördern. Von seiner jüngeren Kollegin im Bundesrat, der Kultfigurkandidatin für junge Schweizerinnen, müsste er sich in diesen Belangen im Stich gelassen fühlen, wenn sie sich - wie die Geier - mit dem Helikopter fliegen lässt. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Die Szenen im Ruhewaggon könnte man ab und zu wie einen Studiofilm sehen: Der Leiter einer begeisterten Seniorengruppe, der im Zug laut und deutlich über die bevorstehende Wanderung informieren will, wird von einer jungen Frau, die ununterbrochen in ihr Notebook tippt, verwarnt. Dem bellenden Hund der Frau schenkt die ziemlich amüsierte Gruppe schiefe Blicke und ein Seufzen. Keuchend steigt eine alte Dame mit Samsonite-Koffer ein und ruft: «Fritz, komm schnell, wir haben endlich einen Platz!» Fritz setzt sich seiner Frau gegenüber, und beide beklagen ihre missglückten teuren Ferien. Der Leiter der Wandergruppe, die unterdessen nur noch flüstert, nähert sich Fritz: «Sind Sie sich bewusst, dass wir in einem Ruhewagen sind?» Fritz duckt sich. Er und seine Frau beklagen sich nun ebenfalls nur noch flüsternd. Die nächste Ruhestörung kommt von einer japanischen Reisegruppe: Unter den missbilligenden Blicken der Mitreisenden erzählen und lachen sie. Von ihrer lustigen Unterhaltung lässt sich nicht viel verstehen. Als nun ein junger Japaner zu einem Lied ansetzt und seine Gruppe ihn klatschend begleitet, steht Fritz auf und zeigt mit seinem Zeigefinger auf das Schild «Compartment Silence», worauf die Gruppe bis Zürich-Flughafen, wo sie aussteigt, nur noch kichert.

 

 

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