Schenker rast durch die Stadthausstrasse 

Der Landbote

30.03.2007

Schenker rast durch die Stadthausstrasse

In zwei Welten zu leben sei fürs Schreiben eine Schatztruhe, sagt der Schriftsteller Yusuf Yesilöz. Heute stellt er seinen neuen Roman vor.

WINTERTHUR – «Polizist Schenker von der Kantonspolizei Winterthur liess das Telefon lange klingeln.» Wäre hier vom Wachtmeister Studer die Rede, könnte man sich in einer Kriminalerzählung von Friedrich Glauser wähnen. Auch Schenkers Privatleben gibt der Handlung das lebensechte Kolorit. Als Erstes erfahren wir, dass er die ehemaligen Swissair-Manager um ihre Spitzensaläre beneidet, während er von seinem hart erarbeiteten Lohn noch Alimente für seine beiden Kinder bezahlen muss. Es ist morgens um viertel vor sieben, nach einem aufreibenden Nachtdienst freut sich Schenker darauf, mit seinem «Schätzi» im Garten-Hotel zu frühstücken. Als er das Telefon dann doch abnimmt, muss er erfahren, dass im Postgebäude beim Hauptbahnhof ein Mann ermordet wurde. «Schenker fühlte sich, als ob gekochtes Wasser auf sein Haupt geschüttet worden wäre.»

Vergnügen bereitet «Lied aus der Ferne», der neue Roman von Yusuf Yesilöz, nicht zuletzt dank seiner bildhaften Sprache. Einmal sehen Schenkers müde Augen aus «wie gedörrte Äpfel»; die Kleider der Chefin von «Messer Cavalli» schmiegen sich dem Körper an «wie die Hülle dem Schwert». Schnell steht die Identität des Ermordeten fest: Ein kurdischer Asylbewerber aus der Türkei, Vater von sieben Kindern. Die Ermittlungen, die sich bald auf den Sänger und Übersetzer Kalo Baran-Huber konzentrieren, kommen lange nicht vom Fleck.

Er habe sich noch nie für «Fantasiegeschichten» interessiert, sagt Yesilöz. Wenn Schenker die Stadthausstrasse hinunterrast, mit seiner Frau ins Schwimmbad Geiselweid geht oder am Kebabstand ermittelt, so ist immer von realen Örtlichkeiten die Rede; zwischen Baran-Huber und dem 1964 geborenen Autor, der 1987 als kurdischer Flüchtling in die Schweiz kam und als Schriftsteller, Übersetzer und Filmemacher in Winterthur lebt, gibt es manche Parallelen.

Yusuf Yesilöz ist ein guter Beobachter, seine präzisen Schilderungen leben vom Charme und Humor des Betrachters, der gerne den Leuten zuhört, im Alltag oder auf Lesereise. Dennoch beginne die Recherche im Kopf, bei der Zeitungslektüre etwa. «Literatur und Realität muss man nicht gross auseinanderhalten», sagt Yesilöz. Sein Leben spiele sich in zwei Welten ab, und diese Erfahrung sei für das Schreiben eine «Schatztruhe». Hat er schon ein neues Buch in Arbeit? «In der Küche kocht immer etwas», meint er verschmitzt. Standen in den fünf früheren Büchern die Kindheit und das kurdische Dorf im Zentrum, so merke er nun, dass er mit dem Schreiben «ganz in der Schweiz» angekommen» sei. (dwo)

artikel drucken seite schliessen