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Schlachten
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-03-08; Seite 5;
Nummer 10
Von
Yusuf Yesilöz
Memas
Schwester schrieb. Meine liebe Schwester!
Bevor ich mit meinen Sätzen beginne, möchte
ich dich grüssen und deine Hände küssen.
Ich war während der Tage des Opferfests
im Dorf. Der Vater hat jedem seiner
Kinder, das noch im Dorf lebt, ein Schaf
geschenkt, um es am Fest zu schlachten,
wie die Religion es verlangt. Vor jedem
Haus floss am frühen Morgen rotes Blut in
die Erde. Der Imam predigte, dass das Tier
seinen Schlächter über die Brücke zum
Paradies tragen werde. Weil du ja weit weg
bist, wurde dir kein Schaf geschenkt, dafür
aber eines in deinem Namen geschlachtet
und das Fleisch verschenkt. Wir haben sehr
viel von dir gesprochen. Unsere Mutter
leidet immer noch an chronischem Asthma.
Der Abschied von ihr war wieder schwer.
Als ich nach der zwölfstündigen Busfahrt
in Istanbul angekommen war, sagte ich mir,
dass diese Stadt wirklich wie ein
Schneeball ist und immer grösser und unförmiger
wird.
Heute
nehme ich mir vor, nicht zu klagen. An der
Fakultät wird einmal im Monat eine fremde
Person eingeladen, die von der Literatur
ihres Landes erzählt. Unser letzter Gast
war eine Schweizerin, die hier an einem
Gymnasium Deutsch unterrichtet. Ich erzählte
ihr von dir. Ich konnte deinen Wohnort,
diesen Zungenbrecher, Unterengstringen,
nicht aussprechen und sagte einfach, du würdest
in Genf leben - das kennt hier jeder - und
mich im Studium unterstützen. Die Frau,
in einer gestrickten lila Jacke, brachte
uns ein Buch mit: Schweizer Erzählungen,
die ins Türkische (Kurdisch ist in der
Schule immer noch verboten) übersetzt
worden sind. Das Buch hat einen roten
Umschlag mit einem weissen Kreuz. Die
Namen von achtzehn Erzählern, darunter
auch Frauen, sind mit schwarzer Schrift
geschrieben. Manche Namen beginnen am Rand
des Kreuzes, andere enden dort. Wir
mussten zweimal kichern, als wir die
Geschichte «Statik» von einem Mann
namens Frisch lasen. Es handelt von einem
nicht entscheidungsfreudigen
Architekturprofessor, der dazu noch
vergesslich ist und sich ärgert, wenn er
darauf angesprochen wird. Unser Professor
aber lässt sich an die Universität
eskortieren. Ich dachte, dass du glücklich
bist, von diesem Autor Texte in
Originalsprache zu lesen.
Mema
antwortete.
Meine
liebe Schwester! Ich küsse dir die Augen,
Deinem Architekturprofessor bin ich leider
noch nicht begegnet. Die Gäste bei uns im
Restaurant erzählen nichts von solchen
Dingen.
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