Schock

 

© ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp (Tages-Anzeiger); 2002-05-31; Seite 5; Nummer 22

 

Von Yusuf Yesilöz

Dass eine Buchübersetzung mehrere Kulturschocks auslösen kann, habe ich nicht erwartet. Was ist geschehen?

Anfang der Neunzigerjahre übersetzte ich das Buch eines damals noch jungen Schriftstellers ins Türkische, der für mich als Asylbewerber ein Hoffnungslicht war. Darin ging es um einen abgewiesenen kurdischen Flüchtling, der von einer WG zuerst mit Begeisterung vor der Polizei versteckt, ihr aber schon nach kurzer Zeit zu einer Last wird. Mein Autor, heute als «Moskitomann der Weltwoche» berühmt, verliess, noch bevor sein Buch übersetzt erschien, die Redaktion seiner damaligen Zeitung, der WoZ. Ich, zu jener Zeit noch mehr Kurde, hatte schlaflose Nächte, weil ich glaubte, dass mein Autor seiner internationalen Berühmtheit wegen den Job quittiert hatte. Also kaufte ich beim türkischen Bäcker fünf Kilo Baqlawa, um mich bei der WoZ für den entstandenen Verlust zu entschuldigen. Vor dem Redaktionsbüro an der Luisenstrasse begegnete ich einer mir bekannten Redaktorin, die mich beruhigte. Der Abgang meines Autors habe sachliche Gründe und daher nichts mit mir zu tun. Mein Baqlawa werde das Redaktionsteam aber sicher nicht essen, weil man, gemäss einem kürzlich gefällten Redaktionsentscheid, nicht zunehmen dürfe. Mein Geschenk wurde zurückgewiesen. Was für ein Schock! Zum Glück konnte ich auf dem Weg zum Bahnhof in der Konradstrasse meine Süssigkeiten vor dem Sonnenhaus Pfarrer Siebers anderen Menschen offerieren, die aus Freude und Dank Slogans zu Gunsten Kurdistans riefen. Die sofort herbeigeeilten Polizisten betrachteten mich als Drogenlieferanten dieser Junkies und kontrollierten mich darauf bis in den Magen.

 

Nun war die Übersetzung fertig, ich vereinbarte für die Abklärung von drei Wörtern einen Termin mit meinem Autor, der gleich am Telefon von einer Einladung zum Mittagessen sprach. Ich trat ins Pressebüro, im Kopf das Bild meiner Mutter, die dem Mann, der ihren Acker gepflügt hatte, jeweils Fleisch für sechs Monate schenkte. Vor mir sah ich mindestens eine Pizza. Während ich auf die Worte «gömmer is Reschtorant» wartete, legte mein Autor Kopien seiner Artikel auf das Pult, die von den Redaktionen abgelehnt worden waren, und klaubte aus einem mehrmals gewaschenen Plastiksack zwei saure Gurken, drei Scheiben Bündnerfleisch und ein kleines Roggenbrot hervor. En Guetä! Mein letzter Kulturschock.