Sehnsucht nach «dem Dorf»

Von Elisabetta Antonelli 

Tages-Anzeiger; 17.01.2006

Yusuf Yesilöz erzählt in seinem Dokumentarfilm die Geschichte von Gül Dogan, einer türkischen Migrantin. «Zwischen den Welten» ist auch ein bisschen seine eigene Geschichte.

«Sehnsucht?» - «Ja.» Gül Dogan sagt dieses «Ja» bestimmt. Und ihre Augen beginnen sofort zu tränen, wenn der Fragende sie auf «ihr Dorf» anspricht. Gleichzeitig schweift die 35-jährige Frau in Gedanken ab zu den Bergen, den einfachen Häusern und den Spielen ihrer Kindheit. Als Neunjährige ist sie mit ihrer Familie aus einem kurdischen Dorf in der Türkei in die Schweiz ausgewandert, nach Winterthur, wo ihr Vater bei Sulzer als Hilfsarbeiter tätig war und abends putzte, um Frau und Kinder über Wasser halten zu können.

Gül Dogans Geschichte spielt sich «Zwischen den Welten» ab, wie der Titel des Dokumentarfilms deutlich macht. Sie steht exemplarisch für viele andere Schicksale, und doch ist sie anders.

Yusuf Yesilöz, Regisseur und Drehbuchautor, zeigt Gül Dogan in ihrem Alltagsleben, als Angestellte des Einwohneramts in Winterthur oder als Mutter, die liebevoll mit ihren beiden Töchtern spielt oder ihnen bei den Hausaufgaben hilft. Er zeigt sie als Tochter, die ihrer Mutter Ismet, die weder lesen noch schreiben kann, beim Erledigen des Papierkrams hilft. Und als Schwester, als Ehefrau. Gül Dogan erzählt offen, klar und ehrlich von ihren Erfahrungen und Problemen, ihren Träumen und Sehnsüchten. Sie tut dies mit einer sympathischen Herzlichkeit. Das Aufeinandertreffen der Kulturen zieht sich als roter Faden durch den Film.

Die Leiter in die Kultur

Migration und Integration sind die Lebensthemen von Yusuf Yesilöz. Er selbst ist vor 18 Jahren aus Mittelanatolien in die Schweiz geflüchtet. Die Flucht des kurdischen Autors und Regisseurs war politisch motiviert. In der Schweiz musste er mit ähnlichen Schwierigkeiten fertig werden wie Gül Dogan. «Wichtig ist, dass man eine Leiter in diese Kultur findet», sagt Yesilöz. Was für Gül Dogan die Schulfreundin Sandra Burri war, erfuhr Yesilöz von einer Familie in Frauenfeld. Durch sie lernte er die Schweizer Kultur «von innen» kennen.

Der 41-jährige Yesilöz ist mit einer Schweizerin verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Winterthur. Mit seiner Heimat fühlt er sich stark verbunden. «Tradition ist der Eckstein einer Kultur. Doch man darf nicht darin haften bleiben.»

Gül Dogan spricht mit ihren Kindern Schweizerdeutsch. Die ältere Tochter ist heute gleich alt wie Gül Dogan, als sie in die Schweiz kam. Sie spielt Fussball in einem Winterthurer Verein. Die Kleine ist erst vierjährig. Die Kinder wachsen als Schweizerinnen auf. «Irgendwann», sagt Gül Dogan im Film, «möchte ich ihnen mein Dorf zeigen.»

Das Dorf - auch für Yesilöz ist es das Ziel seiner Sehnsüchte. Der Ort, an den ihn die Erinnerung trägt. Wird er darauf angesprochen, geht es ihm ähnlich wie Gül Dogan im Film. Er muss seine Tränen zurückhalten. Und doch bleibt er stets auf dem Boden der Realität: «Ich weiss, dass es das Dorf von damals nicht mehr gibt.»

«Zwischen den Welten». Premiere an den Solothurner Filmtagen morgen, 18. Januar, 12.00 Uhr im Landhaus Solothurn.

«Tradition ist der Eckstein der Kultur, doch man darf nicht darin haften bleiben»: Yusuf Yesilöz