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Sommer
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-07-26; Seite 5;
Nummer 30
Von
Yusuf Yesilöz
Drei
Tage hintereinander hatte er morgens um
drei Uhr vor dem deutschen Konsulat in Zürich
in einer langen Schlange gestanden. Ein
Visum hatte er gewollt, das für die
Schweizer MigrantInnen so teuer war wie
das Erlangen der Zöpfe einer Prinzessin.
Nun
- nach vielen Grenzüberquerungen mit
seinem Schengener Visum zu Hause
angekommen - lächelte er alle ehemaligen
Nachbarn an, als ob er gerade aus dem
Paradies käme, und verteilte reichlich süsse
Schokoladen, deren leere Verpackungen später
im Dorf herumflogen. Einmal jährlich fuhr
er ins Dorf, wo er die Müdigkeit der elf
harten Monate in der Schweiz fortjagte.
Eine anstrengende viertägige Fahrt, jedes
Jahr in einem anderen Wagen.
Es
bereitete Spass, die Nachbarn mit einem
europäischen Auto, das von sich reden
machte, zum Kondolenzbesuch oder zur
Hochzeit zu fahren, wo man alle Männer
und Frauen der Ortschaft treffen konnte
und wo alle schwarzen Augen auf einen
gerichtet waren. Der Mähdrescherfahrer, für
den er kühles Wasser auf das Feld fuhr,
schätzte seine Hilfsbereitschaft. Er lächelte
allen zu und erzählte kurze Episoden aus
seinem Leben der elf Monate. Das Leben des
einen Monats im Dorf genoss er wie der
Frosch im Bach.
Als
Kind hatte er in jenem Dorf die Lämmer
der Zeve Hesen gehütet, weil sie keinen
Enkel-sohn hatte. Dafür hatte sie ihn
jeden Tag mit gebratenen Peperoncini und
mit einer Geschichte von der faulen Laus
mit dem grossen Gesäss belohnt. Diese
Geschichten vergass er nie, kannte sie
aber nicht vollständig. Nun besuchte er
Zeve mit seinem Auto vor seiner Abreise
ins Leben der elf Monate. Er fragte sie
schreiend, weil sie nicht mehr gut hörte,
halb im Spass, ob sie ihm, der wieder zum
Weggehen gezwungen sei, eine letzte
Geschichte erzählen würde, wie zu der
Zeit, als er noch Kind gewesen war. Ihre
Reaktion kam unerwartet.
«Schau
dir mal den an! Männer und Frauen kommen
in BMWs, in dunklen Anzügen mit gebügelten
weissen Hemden zu mir. Und du hättest
immer noch gern die alten Geschichten! Sie
haben neben Sonnenbrillen und blitzenden
Felgen ihren Wert verloren, niemand will
sie hören! Dein Auto übertönt jede
Geschichte.» Bemerkenswert war für ihn,
dass Zeve die Abkürzung nicht wie sonst
im Dorf üblich als Beh-meh-weh aussprach,
sondern Beh-Emm-Weh, wie im Original.
Seiner Meinung nach war das ein klarer
Beweis ihrer Intelligenz.
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