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Träume
©
ProLitteris / Yesilöz Yusuf / züritipp
(Tages-Anzeiger); 2002-04-05; Seite 5;
Nummer 14
Von
Yusuf Yesilöz
Es
war nur ein Traum in einer wolkenlosen Frühlingsnacht.
In meinem Traum war ein heftiger Streit
zwischen der Zürcher Regierungsrätin
Rita Fuhrer und dem Kabarettisten Franz
Hohler ausgebrochen. Rita hatte dem Franz
schon eine Hand voll Haare ausgezupft.
Franz war mit all seinen Kräften noch
daran, Ritas rechtes Bein zu brechen. Ein
ganzes Dorf hatte um die Streitenden einen
Kreis gebildet und schaute ihnen schreiend
und jubelnd zu.
Wenn
dabei ein einziges Wort gelogen ist, soll
mich Gott erblinden lassen oder gar zu
einem Schweizer Papierlosen machen! Der
Streit war nicht deshalb ausgebrochen,
weil die beiden eine tragische
Liebesbeziehung hinter sich gehabt hätten.
Oder weil der Franz einst, als Rita für
den Bundesratsposten kandidierte, gesagt hätte,
sie gehe nach Bern, um ihren Mann zu
stehen. Nein, im Streit gings um die
Papierlosen, die unaufhörlich Kirchen
besetzen, unter anderem um die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu
wecken. Das Mitleid der Öffentlichkeit möge
sich für sie in Papiere umwandeln! In
meinem Traum nun setzte sich Rita für
eine kollektive Aufnahme aller Papierlosen
ein. Und zwar deshalb, weil diese ehrlich
seien. Der Ernscht, ihr treuer Wähler,
hatte in seinem Gemüseanbaubetrieb einen
Arbeiter, der auf Papier nicht existierte.
Dieser fiel unglücklicherweise um, als er
statt zwei drei Salatkisten zum Lastwagen
trug. Der Chef brachte ihn eigenhändig in
ein Krankenhaus und liess ihn unter dem
Namen eines anderen, Papiere besitzenden
Ausländers behandeln. Obwohl die Möglichkeit
bestanden habe, dass die Krankenkasse
neunzig Prozent der Kosten übernimmt,
habe der Verletzte die Operation selber
bezahlt, dazu noch fünfzig Franken in die
Kaffeekasse der Krankenschwestern
gespendet, so Ernscht. Die Ehrlichkeit des
Mannes habe den Ernscht sehr beeindruckt,
so Rita. Er habe ihr die Geschichte am
Stammtisch erzählt, als sie in Uniform
mit ihrem Streifenwagen ins Zürcher
Oberland ausgefahren war und sich im «Sternen»
bei ihren Wählern eine Kaffeepause gegönnt
hatte.
Franz
Hohler war in meinem Traum gegen das
Verteilen der Papiere an die Papierlosen,
weil sie - im Gegensatz etwa zu Viktor
Giacobbos Publikum - nie Theater und
Schweizer Satire konsumieren und nie die
Zeitung «Cash» lesen würden. Träume
sind halt komisch. Das komischste aber
war, dass ein anderer Zuschauer des
Streits, auch ein Sans-papier, unglaublich
stolz auf seinen Geburtsort war: auf
Yaylousivemihemed.
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