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Bettina Spoerri ,
2. September 2008, Neue Zürcher
Zeitung
Zwischen Tür und Angel
Yusuf
Yesilöz' neuer Roman «Gegen die Flut»
Manchmal kommt alles zusammen. So
geschieht es dem Sänger Alan, dem
kurdischen Protagonisten in Yusuf
Yesilöz' neuem Roman: Seine Ehe mit
der Schweizerin Dagmar geht gerade in
die Brüche, die Aufnahmen für seine
neue CD kommen nur harzig voran, und
dazu lässt ihm das schlechte Gewissen,
dass seine Tochter aus erster Ehe ohne
ihn in der Türkei aufwachsen muss,
weniger Ruhe denn je. Alans innere
Auseinandersetzung spiegelt und
ergänzt Yesilöz durch die Erfahrungen
anderer Menschen, die vor ähnlichen
Fragen stehen, wie sie sich ihm in
seinem Leben stellen und stellten: die
Türkin Maria/ Meryem, mit der er eine
kurze Affäre hat, ihr Vater Aziz und
Alans Tochter aus der ersten Ehe, der
er mit seiner Emigration in die
Schweiz entflohen ist. Ihre Berichte,
Tagebuchaufzeichnungen und Gespräche
erzählen von den Ahndungen der
Familien in der Türkei, wenn sie ihre
Ehre beschmutzt sehen.
«Gegen
die Flut» beschreibt die Tage, die den
nie ganz gefestigten Boden unter Alans
Füssen immer mehr bröckeln lassen.
Pendelnd zwischen dem Sofa in der
alten Familienwohnung, wo er die zwei
Kinder noch an einzelnen Abenden ins
Bett bringt, und einem ungemütlichen,
nach Schimmel stinkenden Zimmer, das
er für sich auf die Schnelle gemietet
hat, rutscht er immer tiefer in eine
Krise. Von den Traditionen und
Wertvorstellungen der Menschen aus dem
Dorf in der Türkei, aus dem er stammt,
hat er sich entfernt, und doch
bestimmen sie sein Leben stärker, als
er sich bisweilen bewusst ist. Wie
Yusuf Yesilöz diese
Orientierungslosigkeit, oder eher
noch: diese Überforderung eines
Menschen, der zwischen verschiedenen
Wertsystemen eingeklemmt wird, in
Alans Gedanken und Handlungen fasst,
gehört zu den subtilsten Passagen
dieses Buches.
Der
Autor ist auch nicht der Versuchung
erlegen, die psychologische
Komplexität der Situation für das
Romanende zu vereinfachen; so wissen
weder er noch Dagmar, wenn sie im
Gericht schliesslich ihre Trennung in
die Wege leiten, eindeutig, was sie auseinandergetrieben hat. War es
wirklich der eine Seitensprung? Der
Verlust von Liebesgefühlen? Oder doch
die Kulturunterschiede, die den Alltag
so schwierig gemacht haben? Allerdings
hatten Dagmar und Alan gerade dafür
gute Lösungen gefunden, sich
gegenseitig mit Respekt behandelt. Sie
waren gegen den Strom der Vorurteile
und der Intoleranz geschwommen.
So
schliesst Yusuf Yesilöz' neuer Roman
mit einem resignativen Ton. «Gegen die
Flut» ist ein Buch der leisen Töne –
schade nur, dass man beim Lesen über
nicht wenige Unachtsamkeiten von
Lektorat und Korrektorat stolpert.
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HELMUT DWORSCHAK,
4.September 2008, im Landboten
Leben mit einem
Schleier vor den Augen
In seinem Roman «Gegen die Flut»
schildert Yusuf Yesilöz die Geschichte
eines Mannes,der den Boden unter den
Füssen verloren hat.
WINTERTHUR – Unsere Umgebung verändert
sich fortwährend, das Leben ist ein
ständiger Anpassungsprozess. Am
härtesten trifft es aber wohl jene,
die mit einem Mal im eigenen Heim als
Fremde verkehren. So ergeht es dem
kurdischen Sänger Alan, der nach einem
Seitensprung seiner Schweizer Frau
von seiner Familie getrennt lebt. Um
die Kinder zu sehen, kommt er
manchmalzum Abendessen vorbei und
übernachtet dann im Wohnzimmer. Das
Verhältnis der beiden Eheleute ist
angespannt. Sie möchte sobald wie
möglich die Scheidung, er zögert den
Entscheid hinaus. «Alan und Dagmar
grüssten sich mit einem Kopfnicken.
Beim gemeinsamen Essen mit den Kindern
versuchten beide, aneinander
vorbeizuschauen.»
Ein sachlicher Tonfall zeichnet den
neuen Roman des Winterthurer Autors
Yusuf Yesilöz aus. Nach seiner mit
viel Lokalkolorit versehenen,
mitunter auch humorvollen
Kriminalerzählung «Lied aus der
Ferne» wendet er sich nun wieder dem
Gefühl der inneren Heimatlosigkeit zu,
das den 1964 in der Türkei geborenen
kurdischen Schriftsteller und
Filmemacher in allen seinen Werken
umtreibt. Er tut dies hier in nüchtern
beschreibenden Sätzen ohne Pathos.
Auch sein Talent für originelle Bilder
lässt Yesilöz immer wieder
aufblitzen.
Ein Mann unter Druck
Um die Gemütslage zu verdeutlichen, in
der sich seine Figuren befinden,
bevorzugt der Autor das alltägliche
Detail. So gelingen eindringliche
Schilderungen des Fremdseins. «Er
starrte eine Weile auf die Türen der
Kinderzimmer. Wie gewohnt öffnete er
den Schuhkasten aus hellem Holz, um
seine Schuhe anzuziehen. Die bisher
für ihn reservierten Fächer waren aber
mit Schuhen seiner Frau belegt ...»
Yesilöz stattet die Existenz seines
Protagonisten mit durchaus
zeittypischen Zügen aus. Eingebunden
in die Pflichten gegenüber Familie und
Beruf scheint ihm die Untreue seiner
Frau – die aus ihm den «idealen
Hausmann» machen wollte – nur einen
Vorwand geliefert zu haben, sich
endlich vom Druck zu befreien, der auf
ihm lastete. Dass ihn seine berufliche
und familiäre Rolle überfordert, kann
Alan im Grunde selbst nicht verstehen:
«Seine Tante im Heimatdorf hatte
dreizehn Kinder. Er hatte nie gehört,
dass sie sich über die zu versorgenden
Kinder beklagt hätte.»
Viel Raum nimmt die Begegnung mit
einer türkisch und schweizerdeutsch
sprechenden Frau ein, die sich Alan im
Zug gegenübersetzt. Die Frau, Mitte
dreissig, schön und «duftend wie ein
Rosengarten im südlichen Frühling»,
weckt sein Begehren, und obwohl er
sich eigentlich auf keine
Frauengeschichte mehr einlassen will,
trifft er sich erneut mit ihr. Dies
entspricht einem Verhaltensmuster, in
dem der etwa vierzigjährige Mann
gefangen ist, der, ständig auf der
Suche nach attraktiven Frauen, sich
jeweils wieder zurückzieht, sobald
eine mehr Zeit mit ihm verbringen
will. Ein Psychiater, bei dem er sich
einmal Rat gesucht hatte, fand heraus,
«dass seine Dauersuche nach neuen
Frauen irgendetwas mit seiner
Vergangenheit zu tun hatte, nämlich
mit dem verlorenen Boden unter den
Füssen».
Orientierungslosigkeit
Aber das Verhältnis zu Maria oder
Meryem, wie die türkische
Entsprechung lautet, verläuft anders,
als es sich Alan vorgestellt hat. Bei
ihrem ersten Rendez-vous öffnet sich
Meryem und beginnt ohne Umschweife
ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
Dies bringt Alan dazu, sich wieder mit
seiner eigenen Biografie zu
beschäftigen: mit seiner
unglücklichen ersten Ehe, die im
kurdischen Heimatdorf zwischen Alan
und einer seiner zahlreichen Cousinen
geschlossen worden war, und mit
seiner aus dieser Ehe stammenden
Tochter, von der er so gut wie nichts
weiss.
Obwohl Alan und Meryem sich längst in
einer neuen Welt eingerichtet haben,
werden sie die Schatten ihrer
Vergangenheit nicht los. Sie bleiben
Menschen auf der Suche nach
Geborgenheit, und beide benützen
einander, um eine Lücke zu füllen, die
das Leben hinterlassen hat. Ohne ins
Psychologisieren zu verfallen,
gelingt Yesilöz die einfühlsame
Schilderung einer heute längst nicht
nur unter Emigranten verbreiteten
existenziellen
Orientierungslosigkeit.
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Florian Vetsch in der Wochenzeitung
WOZ vom 30.10.2008
Gegen die
Flut
Der 1964 in einem
kurdischen Dorf in Mittelanatolien
geborene Yusuf Yesilöz floh 1987 in
die Schweiz. Heute lebt er mit seiner
Familie in Winterthur, wo er 2007 den
Preis der Kulturstiftung Winterthur
für sein Werk erhielt, das aus
Romanen, Erzählungen und
Dokumentarfilmen besteht. In seinem
neuen Roman «Gegen die Flut» erzählt
er die Geschichte des kurdischen
Sängers Alan, der sich von seiner
Schweizer Gattin Dagmar, mit der er
eine Tochter und einen Adoptivsohn
hat, trennen muss. So sehr Yesilöz die
aufeinanderprallenden Welten
ausleuchtet, geht es ihm zugleich um
die Darstellung allgemein menschlicher
Probleme. Aus der Eifersucht
entspringt das Übel, das zum
Zerreissen der vierköpfigen Familie
führt: Alan kann es nicht verwinden,
dass ihn seine Frau betrogen hat.
Seine Reaktion - er zieht aus - fällt
so entschieden aus, dass Dagmar die
Trennung unwiderruflich einleitet.
Yesilöz schildert die
Wechselbäder der Gefühle so
realistisch, dass auch LeserInnen, die
nichts Vergleichbares erlebt haben,
einen tiefen Einblick in den
Trennungsprozess einer sich
auflösenden Familie bekommen, und zwar
gerade weil der Autor auf
Schuldzuweisungen verzichtet. Neben
diesen psychologischen Feldern
beschreitet Yesilöz kenntnisreich die
interkulturellen. Auch, was Alans
Beruf angeht: «Hätte Alans
Grossmutter, die ihm als Kind das
Singen beigebracht hatte, davon
erfahren, dass von ihm verlangt wurde,
für das Label in einer festgelegten
Zeitspanne zu singen, wäre sie in
ihrem Grab aufgestanden, hätte die
Welt nicht mehr verstanden und ihre
Geschichten und Lieder, die sie ihm
geschenkt hatte, zurückverlangt.»
Gegen die
festgefahrenen Verhaltens- und
Wertsysteme kämpft Alan oft
verzweifelt an. Der Trost, den ihm
eine flüchtige Liebesbeziehung
verschafft, hält nicht an. Als stärker
erweist sich der Mut zur
Selbstkonfrontation, die
Auseinandersetzung mit seiner ersten
Ehe in der Türkei, aus der eine
Tochter hervorgegangen ist. In den
Kindern leuchtet ganz am Schluss des
sorgfältig und bilderstark erzählten
Romans ein Silberstreifen am Horizont
auf.
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Isabel Hemmel,
im Züritipp, Tages Anzeiger 4.
September 2008
Von
Hinten Erdolcht
Der
Kurde Yusuf
Yesilöz
hat in der Schweiz sein Glück
gefunden. Wie es ist, wenn dieses
fremde Glück zerbricht, davon erzählt
sein neuer Roman «Gegen die Flut».
Alan
ist Kurde und Musiker, seine Lieder
sind sein Leben. Als Flüchtling kam er
vor Jahren in die Schweiz. Er hatte
Glück. Er lernte die Schweizer
Psychologin Dagmar kennen, heiratete
sie, bekam mit ihr eine Tochter. Ein
adoptierter Sohn machte die Familie
komplett. Es war eine friedliche Zeit.
«Alan hatte sich bei der Heirat mit
Dagmar weder für die eine noch für die
andere Kultur entschieden, er
schwankte dazwischen.» Ein angenehmer
Schwebezustand. Der an dem Tag, an dem
Alan feststellt, dass seine Frau eine
kurze Affäre mit einem anderen Mann
hatte, eine gravierende Störung
erfährt. Plötzlich droht sein Grossmut
unter dem verletzten Stolz zu
zerbröseln. Und so wie für die Männer
aus seinem Dorf, die von ihrer Frau
«von hinten erdolcht», also betrogen
wurden, gibt es auch für Alan
plötzlich kein Zurück mehr.
In
«Gegen die Flut» schickt
Yesilöz
seinen Protagonisten auf eine
intensive und aufreibende Suche nach
der eigenen Identität. Der Autor lässt
Alan taumeln zwischen der Kultur
seiner Frau und dem Erbe seiner
Eltern, zwischen Helvetismen und der
blumigen, bildhaften kurdischen
Sprache. Die zufällige Begegnung mit
der Türkin Meryem, die sich für ein
selbst bestimmtes Leben entschied und
sich deshalb immer wieder
verantwortlich für den Tod ihres
Vaters fühlt, zwingt Alan dazu, sich
mit längst überwunden geglaubten
Werten und Traditionen zu befassen.
Das führt zu einer Annäherung an die
Tochter aus erster Ehe, die Alan
damals in der Heimat zurückliess. Nun
setzt er sich nicht nur mit der
Gegenwart auseinander, sondern auch
mit seiner Vergangenheit.
Mit
leisen Tönen und subtilem Humor treibt
der Autor, Filmemacher und ehemalige «züritipp»-Kolumnist
Alans und Meryems Geschichte voran.
Durch die Tonbänder mit der
Lebensgeschichte von Meryems Vater und
die Tagebuchaufzeichnungen von Alans
erster Tochter stellt Yusuf
Yesilöz,
der 1987 als Flüchtling in die Schweiz
kam, der hiesigen eine von Traditionen
und strengen Werten geprägte Welt
gegenüber. Und vermittelt so
eine Ahnung von einem Leben dazwischen.
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Ein Leben im Dazwischen
Yusuf Yesilöz erzählt
eine Exilgeschichte im Spannungsfeld
von Integration und Tradition
Von Beat Mazenauer ,
Literaturkritik.de
1987 floh der kurdische Autor und
Filmemacher Yusuf Yesilöz als
23-Jähriger in die Schweiz. Heute lebt
er bestens integriert in Winterthur
und schreibt seine Bücher auf Deutsch.
Doch noch immer pochen zwei Herzen in
seiner Brust. „Die Verwurzelung ist
vielleicht das wichtigste und
meistverkannte Bedürfnis der
menschlichen Seele“, zitiert er Simone
Weil im Vorspann zu seinem neuen Roman
„Gegen die Flut“.
Darin erzählt er vom kurdischen Sänger
Alan, der sich in der Schweiz gut
eingelebt hat. Er ist mit seinen
Konzerten erfolgreich, und die Ehe mit
der Psychotherapeutin Dagmar hat den
kulturellen Unterschieden bisher
standgehalten. Mit ihren zwei Kindern,
der Tochter Zerye und dem Adoptivsohn
Dara, bilden sie eine unscheinbare
Kleinfamilie. Ein einmaliger
Seitensprung Dagmars führt jedoch zum
Zerwürfnis. Alan empfindet diesen als
Schmach und zieht aus der Wohnung aus,
wodurch sich wiederum Dagmar verletzt
fühlt und auf eine Trennung drängt.
Bisher verdeckte Gefühle brechen
unvermittelt auf. Im Schatten der zwei
ungleichen Kulturen bleibt aber
unklar, wer welche Schuld trägt.
Verletzt und einsam macht Alan die
Bekanntschaft einer heiteren
türkischen Frau, Meryem, die sich in
ihn verliebt und ihm freimütig ihr
Herz öffnet. Im Namen der Tradition
hat sie erlebt, wie ihr die Familie
die Freiheit rauben wollte. Auch Alan
trägt ein Geheimnis mit sich: in der
Türkei liess er eine Tochter und eine
ihm versprochene Frau zurück. Doch er
rückt damit nicht heraus.
Aus Alans Perspektive erzählt Yesilöz
von den Irritationen, die den gut
integrierten Sänger im Spannungsfeld
von Tradition und Anpassung gefangen
halten. Er bleibt zurückhaltend, was
ihm von seiner Frau zum Vorwurf
gemacht wird. Selbst dass er – ein Don
Juan wider Willen – Erfolg bei Frauen
hat, macht den Melancholiker nicht
glücklich.
„Gegen die Flut“ ist ein Roman mit
zwei Gesichtern. Die
Beziehungsgeschichten wirken etwas
oberflächlich angelegt – insbesondere
Meryem bleibt eine Kunstfigur. Yesilöz
ist kein Sprachzauberer, seine
Beziehung zur deutschen (Fremd-)Sprache
ist eher pragmatisch. Er nutzt sie als
Medium, um zu erzählen. Genau hierin
liegt seine Stärke. „Gegen die Flut“
überzeugent durch die hohe
Sensibilität, mit der das
Gefühlskarussell des Helden
eindrücklich geschildert wird. Dieser
kann nicht aus seiner Haut. Am Ende
lässt Yesilöz klugerweise offen,
weshalb die Ehe zwischen Alan und
Dagmar geschieden wird. Letztlich kann
es hier keine Eindeutigkeit geben,
weil Dagmar wie Alan notgedrungen
ihren Traditionen verpflichtet
bleiben. Dagmars Wunsch nach Vergebung
muss uneingelöst bleiben, weil ein
gehörnter kurdischer Mann zum Gespött
wird und nicht mehr vor seine Familie
treten kann.
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www.daswortreich.de
Roman "Gegen die Flut",
Erzählt wird die Geschichte mit einer
unterschwelligen Melancholie die
allerdings keine übermäßige
Traurigkeit oder Verzweiflung
offenbart. Vielmehr wird über die
Seiten des Buches deutlich, wie sehr
der Protagonist in sich ruht und den
Schlüssel zu seiner Vergangenheit und
seiner Zukunft in der
Auseinandersetzung mit sich und seiner
Kultur findet. Es ist erstaunlich wie
es Yesilöz gelingt, mit seiner Sprache
den richtigen Ton zu finden, zumal er
nicht in seiner Muttersprache
schreibt. Im ganzen Buch finden sich
keine Allgemeinplätze über
Kulturunterschiede und keine
pathetische Glorifizierung oder Kritik
an der eigenen oder der fremden
Kultur. Er stellt sogar durch den
Protagonisten Alan die Frage, ob man
als kurdischer Flüchtling wirklich
zwischen zwei Kulturen hin und her
gerissen ist, da Alan sich in der
eigenen, kurdischen Tradition auch
nicht zu Hause fühlt. Zuhause ist wohl
da, wo die Kinder sind. Und da eines
von Alans Kindern in dem kurdischen
Dorf zu Hause ist, wird ein Teil von
ihm auch immer dort zu Hause sein.
"Gegen die Flut" offenbart eine leise
erzählte Geschichte voller Melancholie
die einen Einblick in das Gefühlsleben
eines kurdischen Mannes im Westen
gewährt. Derjenige Leser, der eine
blutige Geschichte mit einer Thematik
wie Ehrenmord oder Blutrache erwartet,
wird positiv überrascht sein über die
Sensibilität und Differenziertheit der
Romanfigur in der Auseinandersetzung
mit den verschiedenen Kulturen. Sehr
lesenswert gerade in heutigen Zeiten,
die vielmehr von dem Kampf der
Kulturen geprägt zu sein scheint als
von der Versöhnung der Kulturen, wie
sie in diesem Buch immer präsent ist.
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