|
Der
ungewisse Ritt auf einem fremden
Pferd
Tages-Anzeiger;
16.07.1998;
Seite 51,
Kultur
Sind
es Leidende im Exil? Oder genügt
ihnen die Literatur als Heimat?
Zwei Porträts von fremd-
sprachigen Autoren in der Schweiz.
Von Benedikt Scherer
Sie
stossen derzeit auf ungewöhnlich
viel
Interesse: fremdsprachige
Autorinnen und Autoren, die in der
Schweiz leben und schreiben. An
der diesjährigen Frankfurter
Buchmesse werden sie, neben den
Exponenten der vier
Landessprachen, die fünfte Gruppe
von Schriftstellern bilden, die
das Gastland Schweiz vertreten. Im
Limmat-Verlag ist eben das
Lesebuch "Küsse und eilige Rosen:
Die fremdsprachige Schweizer
Literatur" erschienen, das
erzählende Texte, aber auch
reflektierende Berichte über die
Situation dieser Schreibenden in
der Schweiz versammelt. Was sind
ihre Probleme, was ihre
Hoffnungen?
Ich
male nur ein Bild
Yusuf
Ye|8silöz ist ein 34jähriger
Kurde, der 1987 als Flüchtling aus
der Türkei in die Schweiz gekommen
ist. Seit drei Jahren lebt er in
Winterthur. Er ist verheiratet mit
einer Schweizer Ärztin und Vater
einer vierjährigen Tochter. 1998
ist im Rotpunkt-Verlag seine erste
Erzählung "Eine Reise in die
Abenddämmerung" erschienen. Dass
er einmal Schriftsteller werden
würde, habe er nicht gedacht, sagt
Ye|8silöz, der zunächst nur als
Verleger für kurdische Literatur
gewirkt hat. "Ich bin wie der
Kellner, den es in die Küche
drängt, um selber etwas zu
kochen." Schreiben sei für ihn
eine Möglichkeit, die Sehnsucht
nach der Heimat zu verarbeiten. Ob
er das Land seiner Kindheit je
wiedersehen würde, sei ungewiss.
1996, bei seiner letzten Einreise
in die Türkei, wurde er verhaftet
und drei Wochen festgehalten, weil
er in seinem "arArat"-Verlag eine
kurdische Literaturgeschichte
herausgegeben hatte.
Ye|8silöz stammt aus einem kleinen
Dorf in Mittelanatolien, 150
Kilometer südlich von Ankara
gelegen. Er war das dritte von
sechs Kindern. Seine Familie
besass 300 bis 400 Schafe - eine
Zahl, die für Ansehen in der
Gemeinde sorgte. Als Kind hat er
oft Lämmer gehütet. Solche
Hintergründe fliessen in seine
Erzählungen ein, die immer auch
politisch grundiert sind. Die
Schikanen der türkischen Behörden
gegen die kurdischen Dorfbewohner
sind in "Reise in die
Abenddämmerung" ein zentrales
Thema. Dennoch sieht sich
Ye|8silöz nicht als primär
politischer Autor: "Ich male nur
ein Bild des Dorfes. Ich zeige nur
den Alltag. Aber der ist auch
politisch."
Seine
erste Erzählung hat er auf
türkisch geschrieben, dann selber
ins Deutsche übersetzt,
schliesslich vom Verlag
lektorieren lassen. Gegenwärtig,
bei seinen aktuellen literarischen
Arbeiten, benützt er den kürzeren,
aber auch schwierigeren Weg: Er
schreibt auf deutsch. "Das ist,
als würdest du auf dem Pferd eines
Fremden reiten; du weisst nicht,
wie es reagiert." Das sei für ihn
aber ein natürliches Vorgehen. Er
bewege sich ständig in einem
deutschsprachigen Raum, spreche
auch zu Hause deutsch, und was er
in seinen Texten sagen wolle, das
erreiche er mittlerweile auch mit
dieser Sprache.
Wenig Prestige in der Heimat
Er sei
kein Flüchtling, sei nicht
verfolgt worden und befinde sich
auch nicht im Exil, sagt dagegen
Michail Schischkin, der 1961 in
Moskau geboren wurde. "Ich lebe
hier aus privaten Gründen." Die
Liebe, aber auch die Literatur,
stehen am Anfang seiner Kontakte
zur Schweiz. Franziska Stöcklin,
seine jetzige Frau, Slawistin und
Übersetzerin, war nach Moskau
gekommen und suchte Texte zum
Übersetzen. Die Wahl fiel auf
Schischkins Prosa, und so haben
sie sich kennengelernt. Seit 1995
lebt Schischkin in Zürich.
In
seiner Moskauer Zeit ist er auf
der hierarchischen Leiter der
kommunistischen Gesellschaft
herumgeklettert. Als junger Mann,
noch in der Ära Breschnew, war er
Mitarbeiter bei einem
Jugendjournal mit 1,5 Millionen
Auflage, hatte einen
privilegierten Job, durfte
Auslandreisen machen. Allmählich
habe er dann realisiert, dass er
sich mit dieser Arbeit an der
staatlichen Lüge beteilige.
Schischkin wurde Lehrer und wählte
damit einen Beruf, der in Russland
wenig Prestige geniesst. Der
Idealismus, mit dem er die
Lehrerlaufbahn angetreten hatte,
verblasste indes bald. Trotz
Perestroika sei es nicht möglich
gewesen, die Schule zu
reformieren, die Schüler zum
eigenen Denken zu animieren.
Geschrieben habe er schon immer,
sagt Schischkin, aber ohne Gedanke
an eine Veröffentlichung. "Ich
habe ja keine Kolchosenliteratur
für den Staat geschrieben." Über
ein paar Umwege sind dann aber
doch Texte von ihm in russischen
Literaturzeitschriften erschienen.
Sein Debütroman "Omnes una manet
nox" fand Beifall in der
literarischen Öffentlichkeit. Bei
dieser Gelegenheit habe er
übrigens gemerkt, dass der Erfolg
wenig bedeute. "Da träumt man als
junger Autor immer davon, und wenn
er da ist, merkt man: Die Welt ist
immer noch die gleiche."
Schischkins Schriftsteller-Credo:
"Ich schreibe, weil es mir ein
echtes Vergnügen bereitet, aus ein
paar abgenutzten, gewöhnlichen
Wörtern einen Satz und eine Welt
zu bauen, wie sie noch nie jemand
vor mir gemacht hat."
Dass
die Übersiedlung in die Schweiz
sein Leben als Autor verändert
hat, kann Schischkin nicht
behaupten: Er habe schon in Moskau
vor dem Computer gesessen und
geschrieben. Jetzt sitze er wieder
vor dem Computer und schreibe. Auf
russisch. Von einer Entwurzelung
möge er nicht reden: "Ich bin in
meinem Büchergestell verwurzelt,
und das habe ich von Moskau
mitgenommen."
Literarisch-historischer
Reiseführer
Die
Tradition ist für Schischkin
wichtig. Er ist ein Kenner der
russischen Literatur des 20.
Jahrhunderts, er ist ganz zu Hause
in der russischen Literatur des
19. Jahrhunderts, bei Dostojewski,
Tolstoi, Tschechow genauso wie bei
den Autoren der zweiten und
dritten Garnitur. Schischkins
Ziel: "Ich möchte die russische
Literatur weiterbringen." Ob ihm
das auch wirklich gelinge, lasse
sich freilich erst nach seinem Tod
sagen. Momentan schreibt
Schischkin an seinem zweiten Roman
"Die Eroberung von Ismail".
Schischkins
"literarisch-historischer
Reiseführer" über Russen in der
Schweiz wird gerade ins Deutsche
übersetzt.
Dass
Michail Schischkin und Yusuf
Ye|8silöz von Christoph Vitali zur
Frankfurter Buchmesse eingeladen
worden sind, ist für beide von
Wichtigkeit. "Ein Gefühl der
Anerkennung", sei damit verbunden,
meint Ye|8silöz. Schischkin
spricht von einer "angenehmen
Überraschung" und einer "grossen
Ehre".
Küsse
und eilige Rosen: Die
fremdsprachige Schweizer
Literatur. Ein Lesebuch.
|