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Bücher
als Früchte der Fremdheit
St.Galler
Tagblatt, 13 März 2002
Eva
Bachmann
Ein
Porträt des kurdisch-schweizerischen
Schriftstellers Yusuf Yesilöz
Am
Anfang steigt einer über einen zwei Meter
hohen Gitterzaun. Die Schweizer Grenze ist
für ihn eine «Grenze zwischen zwei
Welten, die sich vielleicht nur wenig
voneinander unterscheiden». Der da über
das Gitter klettert, könnte Yusuf Yesilöz
gewesen sein, der 1987 aus der Türkei
fliehen musste. «Hätte das Gitter eine
Zunge, so könnte es erzählen, wie viele
Menschen über es in die neue Welt
gestiegen sind.»
Yesilöz erzählt an seiner Stelle. Nicht
autobiographisch, aber authentisch. In
seinem Buch «Der Gast aus dem Ofenrohr»
erzählt ein Neuankömmling von den
Menschen im Asylbewerberzentrum - von der
Rangordnung beim Teekochen, von den Rauch-
und Spielritualen nach der Auszahlung des
Taschengeldes und vor allem von ihren
Geschichten.
Heimat
in Geschichten
Es
sind Geschichten aus den kurdischen Dörfern,
Familiengeschichten und Schafgeschichten.
Auch Fluchtgeschichten werden erzählt. Zu
seiner eigenen hält sich der Erzähler
bedeckt: «Wegen Büchern». Der Schweizer
Befragungsbeamte kann mit dem
Geschichtenerzählen wenig anfangen.
Geburtsdatum? «Meine Mutter sagte, dass
es einmal im Frühling sehr viel geregnet
und danach sehr gutes Gras gegeben habe,
so dass die Schafe noch im Sommer auf den
Hügeln, die sonst längst kahl waren,
noch davon hätten fressen können...» Er
habe seine Heimat in solchen Geschichten,
erklärt Yesilöz. In seinen Büchern
verarbeite er Erinnerungen an das Dorf am
Anfang der 70er-Jahre, als die
Gemeinschaften noch intakt waren, als es
noch keinen Strom gab und fast niemand türkisch
sprach - aus der Zeit vor der
Konfrontation der Landbevölkerung mit der
Staatlichkeit. Für Kurden seien diese
Geschichten nostalgisch, für ihn selbst
Ausdruck seiner Sehnsucht. Fremd mutet es
an, diese Geschichten zu lesen. Yusuf
Yesilöz mag sich nicht westlichen Erzähltraditionen
anpassen: «Es soll quer tönen». «Meine
Bücher lesen Menschen, die sich mit den
Kurden beschäftigen oder mit der Thematik
von Fremdheit.» Er selber lebt seit
vielen Jahren hier, ist mit einer
Schweizerin verheiratet und hat zwei
Kinder. Seine Bücher schreibt er auf
Deutsch. Trotzdem ist er irgendwie fremd
geblieben. Diese Fremdheit hat er nicht
gesucht, sie wird ihm von aussen aufgedrängt.
Er erlebt sie als permanenten Schmerz,
aber auch als Bereicherung. «Meine Bücher
und Kolumnen sind Früchte der Fremdheit»,
beschreibt Yesilöz seinen Reichtum. «Die
zwei Kulturen sind für mich wie zwei
Strassen. Häuser und Bäume sind
verschieden, aber ich kenne beide und ich
gehe durch beide.» Man dürfe sich von
der Situation nicht ins Sandwich pressen
lassen. An die Stelle solcher Beengung
setzt er ein luftiges Bild: «Ich stehe
auf einer Brücke.»
Erzählen,
wie es war
Auch
wenn sich Yusuf Yesilöz mittlerweile
routiniert zwischen den Kulturen bewegt,
zusammengewachsen sind sie für ihn nicht.
Er hat in jeder Sprache anderes gelernt,
anderes erlebt. Kurdisch ist die Sprache
der Kindheit und der Geschichten
geblieben. Politische Gespräche führt er
meistens auf Türkisch. Deutsch ist die
Sprache, um etwas explizit auszudrücken.
Nationalitäten von Menschen hingegen
spielen für ihn kaum eine Rolle, «bei
Freunden ist es wichtig, was man
miteinander tauscht». Natürlich würden
Gespräche mit Kurden häufiger politisch.
Die schwierige Situation dieses Volkes,
dessen Sprache noch immer verboten ist,
scheint auch in seinen Büchern immer
wieder auf. Yesilöz will seine
Geschichten aber nicht als politische
Botschaften gelesen wissen. «Literatur
ist, was auch in zehn Jahren noch bestehen
kann.» Selbst «Aufklärung» scheint ihm
als Absicht seines Schreibens zu hoch
gegriffen: «Man kann nicht steuern, wie
ein Buch auf den Leser wirkt.» So
schreibt er lieber objektiv, wie es war
und wie er es erlebt hat. Auch wenn
Tatsachen nicht immer schmeichelhaft sind.
Dabei soll nicht nur der Kampf und das
Traurige zur Sprache kommen, sondern auch
das Lebenslustige, Humorvolle. «Es ist
wie beim Kochen», sagt er, «die Speise
muss essbar sein. Man kann nicht den
ganzen Pfeffer hineinschütten.»
Zuhause
sein
«So
trat ich wieder in ein neues Leben -
sanft, wie auf Zahnrädern aus Baumwolle,
glitt die Rolltreppe in die Höhe.» Mit
dem Auszug aus dem Asylbewerberzentrum
schliesst die Geschichte des ungebetenen
«Gasts». Die Zukunft liegt im
Ungewissen, wie oft in Yesilöz'' Büchern.
Und der Autor selbst, was sind seine
Hoffnungen für die Zukunft? «Ich wünsche
mir, dass alle Menschen dort leben können,
wo sie wollen.» Er möchte, nicht zuletzt
wegen seiner Familie hier, nicht zurück
in die Türkei. Es sei einfacher für ihn
in der Schweiz - obwohl er sich manchmal
ärgert, wenn er als Ausländer beschimpft
wird. «Aber die Schweiz wird sich in 20
Jahren vielleicht auch daran gewöhnt
haben, dass hier fremde Menschen zuhause
sind.»
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