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DAS
BUCH
Erzählen
und das Glück der Papiere
Tages-Anzeiger;
08.03.2002; Seite 58
Kultur
Seit
15 Jahren lebt der Kurde Yusuf Yesilöz in
der Schweiz. Sein neuer Roman, «Der Gast
aus dem Ofenrohr», geht einem
bemerkenswert nahe.
Von
Dominik Dusek
Ein
Mann sitzt in einem Gasthaus. Er ist nicht
allein am Tisch, seinen Begleiter kennt er
jedoch erst seit einigen Minuten. Die
Kellnerin kommt, sie bringt Karten und
spricht kurz mit dem Begleiter. Der Mann
weiss nicht, was die beiden reden. «Eine
Sprache, die man nicht versteht», denkt
er, «hört sich an wie das Rauschen eines
Baches.»
Es
geht unsicher zu in «Der Gast im Ofenrohr»,
dem vierten Buch von Yusuf Yesilöz. In
mancher Hinsicht greift es den Schluss
seines Debüts, «Reise in die Abenddämmerung»,
auf. Dort sass die Kurdin Fate mit ihren
Kindern nächtens in einem Lastwagen, der
gerade die türkische Grenze hinter sich
gelassen hatte. Das Ziel der Fahrt war ihr
unbekannt, sie konnte nur Autoscheinwerfer
sehen, die das Dunkel ausleuchteten.
In
«Der Gast aus dem Ofenrohr» ist der Flüchtling
ein Mann, und Yesilöz erzählt aus der
Ich-Perspektive, das dominante Gefühl ist
aber nach wie vor die Bezugs-losigkeit. Über
einen Gitterzaun steigt der namenlose Erzähler
in ein Land, das er nicht kennt. Bestückt
mit ein paar spärlichen Anweisungen,
macht er sich in eine bunt strahlende
Diskothek auf, wo mit etwas Pech schon
alles zu Ende sein könnte: Der Türsteher,
ein Pflock von einem Mann, brüllt ihn in
einer unverständlichen Sprache an, weil
er ihn nicht versteht.
Der
Erzähler aber hat Glück. Der Pflock lässt
ihn vorbei - warum genau, wird er nie
erfahren -, seine illegale Einreise ist
offenbar nicht von Betrügern organisiert
worden, er trifft tatsächlich auf den
entfernten Verwandten Salih, der in einem
Restaurant arbeitet, und er kann einen
Asylantrag stellen. Das Jetzt wird um ein
weiteres Bisschen verlängert. Yusuf Yesilöz
behält auch in «Der Gast aus dem
Ofenrohr» seine lakonische Art des
Schilderns bei. Die Sätze sind kurz, klar
und nicht selten voll trockenem Humor. Mit
raffinierter Konstruktion, mit
kalkuliertem Spannungsaufbau hat Yesilöz
nichts am Hut. Er gibt wieder, er flicht
ein, er lässt mitten in Beschreibungen plötzlich
wehmütige Gedanken aufkommen, er gibt
preis und deutet an, wie es ihm beliebt.
Schönheit
und Grauen aus der Distanz
Dass
er mit dieser höchst subjektiven Erzählweise
zu fesseln vermag, verdankt Yesilöz vor
allem seiner Fähigkeit, scheinbar
Unterschiedlichstes zu vereinen: Auf der
einen Seite steht der schmucklos
beschriebene Alltag im Asylbewerberheim,
auf der anderen Seite bricht immer wieder
die schwärmerische, ungeheuer bildhafte
kurdische Sprache durch. Man liest
haufenweise Sätze, die es - auf Deutsch -
eigentlich nicht gibt, wie «Aus deinem
Stift fliesst es wie Honig», und man wird
Zeuge der zahllosen Dorfgeschichten, die
die Flüchtlinge einander im Heim erzählen.
Yesilöz weiss um die Nostalgie, um die
Verklärung, die da mitschwingt, er
bekennt sich aber auch zur Sehnsucht nach
der Landschaft und den Menschen, die ihn
prägten. Es ist ein stetes und
fruchtbares Lavieren zwischen dem Versuch,
auch noch die grausamsten und schönsten
Dinge mit einer gewissen Distanz zu sehen,
und der Tatsache, dass die Stärke von Gefühlen
letztendlich nicht in den Griff zu
bekommen ist.
Und
so gewinnen die Asylbewerber, die
Zufallsgemeinschaft der Zimmergenossen,
Seite für Seite unaufdringlich an Profil.
Es gibt die Ältesten, Erfahrensten, die
um den obersten Platz in der Hierarchie kämpfen.
Es gibt die Jungen, die in Tanzlokalen und
im Heim selbst auf Brautschau gehen,
einerseits, weil ihnen das eine Möglichkeit
eröffnen könnte, im Land zu bleiben,
andererseits, um der Einsamkeit zu
entkommen. Auch Fate ist hier, der seltene
(Flüchtlings-)Fall einer allein stehenden
Mutter; mit ihren zwei Kindern wohnt sie
von den Männern abgetrennt. Und
schliesslich ist da Melek, der
Schweig-same, dem als Erster Asyl gewährt
wird und der sich darüber doch nicht
freuen kann, zu nah ist ihm noch die
Verfolgung durch das türkische Militär.
Im
Gespräch sagte Yusuf Yesilöz einmal, oft
seien die Leute, die zu seinen Lesungen
kommen, überrascht, dass es so viel zu
lachen gebe. Bei Kurden erwarte man
anscheinend immer etwas Politisches. Tatsächlich
vergisst Yesilöz auch in den blumigsten
Schilderungen kaum je den Nebensatz, der
auf schalkhafte Weise die Relation zur
Wirklichkeit herstellt («Im ganzen Haus
roch es nach verbranntem Harz, ein Geruch,
der einen aus einem tiefen Brunnen holen
kann, falls man in einen gefallen ist.»).
Er tut das aber wohl auch deshalb, weil er
weiss, dass seine Geschichten sozusagen
von vornherein politisch sind. Die Lage
seiner Figuren lässt gar nichts anderes
zu.
Schriftstücken
ausgeliefert
In
«Der Gast aus dem Ofenrohr» - ein
kurdischer Ausdruck für «ungebetener
Besucher» - wird der Leser Zeuge von
Freund- und Feindschaften, von Gefälligkeiten
und Schnüffeleien. Er lernt stinknormale
Menschen kennen, Menschen - wozu den
abgegriffenen Ausdruck scheuen - «wie du
und ich». Aber dummerweise sind diese
Menschen nicht annähernd Herren ihres
Schicksals. Sie werden bald hierhin, bald
dorthin geschickt, Papiere entscheiden über
ihre Trauer und ihre Freude. Manche haben
Glück und können einen
Zeitungsausschnitt vorzeigen, in dem ihr
Name steht. Das nennt man einen Beweis.
Andere - die meisten - haben dieses Glück
nicht. Ihr Ausgeliefertsein solch simplen
Umständen gegenüber macht es aus, dass
diese Menschen einem beachtlich nahe
gehen.
Am
Montag, 11. 3., 20 Uhr, liest Yusuf Yesilöz
im Literaturhaus Zürich aus seinem neuen
Roman.
Yusuf
Yesilöz: Der Gast aus dem Ofenrohr.
Rotpunkt-Verlag, Zürich 2002. 208 S., 30
Fr.
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