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Im
Exil hat er die Worte gefunden
Tages-Anzeiger;
24.03.2000;
Seite 23
Von
Andreas Mösli
"Die
Schweiz könnte ein Vorbild für die Türkei
sein", sagt Yusuf Ye|8silöz. Der
kurdische Schriftsteller aus Winterthur
hat soeben sein drittes Buch in deutscher
Sprache veröffentlicht.
"War
meine Mutter aus irgendeinem Grund zornig
auf mich, so sagte sie jeweils mit ernster
Miene, dass sie schon seit meiner Geburt
ihre Schwierigkeiten mit mir habe."
Aus:
"Steppenrutenpflanze".
Yusuf
Ye|8silöz erzählt in seinem neuen Werk
die Geschichte von einem Jungen, der in
den 60er- und 70er-Jahren in einem kleinen
Dorf in der Türkei aufwächst. Es ist die
Geschichte einer kurdischen Kindheit - der
Kindheit des 36-jährigen Autors, der 1987
als politischer Flüchtling in die Schweiz
gekommen ist. Ye|8silöz' Streifzüge
durch den Dorfalltag lassen in
"Steppenrutenpflanze" eine
Kultur lebendig werden, die es im türkischen
Staat nicht geben darf.
Schriftsteller
erst in der Fremde
"Die
offizielle Türkei hat panische Angst vor
der kurdischen Identität", sagt
Ye|8silöz. Wer sich mit ihm unterhält,
merkt rasch: Der Mann ist kein
Phrasendrescher und auch kein polternder
Agitator. Seine Meinung zur PKK, zu Öcalan
und zum bewaffneten Kampf ist
differenziert, und von der Schweiz sagt
er, sie könnte mit ihrer demokratischen
Tradition und den vier Landessprachen ein
Vorbild sein für die Türkei. Sich selber
bezeichnet Ye|8silöz nicht als
Schriftsteller oder politischen Autor,
sondern als kurdischen Kulturschaffenden.
Mit
Schreiben angefangen hat Yusuf Ye|8silöz
erst im Schweizer Exil. "Wer in einer
fremden Kultur lebt, hat immer auch das
Bedürfnis, von seiner eigenen zu erzählen."
Zudem könne er so die Sehnsucht nach
seiner alten Heimat verarbeiten, die er
nicht besuchen darf, und die mit den
Jahren immer mehr aus seinen Gedanken
entschwindet. "Ich lese zwar jeden
Tag türkische und kurdische Zeitungen und
informiere mich im Internet. Doch ich
merke, dass mich Themen aus der Türkei
immer weniger interessieren und jene aus
der Schweiz immer mehr."
Ye|8silöz
ist hier zu Lande wohl der einzige
kurdische Autor, der seine Geschichten auf
Deutsch schreibt. Für ihn, der mit einer
Schweizerin verheiratet ist und mit ihr
eine Tochter hat, ist das selbstverständlich.
"Ich lebe hier und verwende die
deutsche Sprache heute mehr als die
kurdische."
Die
Stärken seiner Erzählungen liegen in den
Bildern, weniger in den Textkompositionen
oder sprachlichen Finessen. Da sind schon
mal Kompromisse nötig: "Wenn ich in
einer Geschichte eine Blume beschreibe,
dann muss ich im Wörterbuch
nachschauen."
Drei
Wochen im Gefängnis
"Steppenrutenpflanze"
ist eine typische Erzählung für den
kurdischen Schriftsteller, der seinen
Lebensunterhalt als Übersetzer verdient:
Schon in seinen ersten beiden Werken
verarbeitete er Erinnerungen und selber
Erlebtes: Die sprachliche Diskriminierung,
die politische Verfolgung oder seine
Verhaftung vor vier Jahren.
"Gayrettepe!
Meine Angst vor Folter wuchs. Zu oft hatte
ich in den letzten Jahren gelesen, dass
dort Menschen bei der Folter umgebracht
worden waren. Der Presse hatte man
anschliessend bekannt gegeben, die
Betroffenen hätten sich erhängt oder
seien an Herzversagen gestorben."
Aus: "Vor Metris steht ein hoher
Ahorn - Haftbericht eines politischen
Gefangenen".
Es
geschah im Sommer 1996: Ye|8silöz ist zu
dieser Zeit bereits Doppelbürger und auf
dem Weg in sein Heimatdorf, um seine
Familie zu besuchen. Doch schon am türkischen
Zoll wird er trotz seines Schweizer Passes
verhaftet. Wegen Separatismus, wie es
heisst. Ye|8silöz hatte in seinem kleinen
Verlag Ararat in der Schweiz ein Büchlein
über kurdische Literaturgeschichte veröffentlicht.
Eine Schrift, die in der Türkei legal erhältlich
war. Nach drei Wochen Gefängnis kommt er
wieder frei - dank seinem Anwalt und nach
Protesten aus der Schweiz.
Der
Haftbericht ist eine Art Tagebuch. Die
Verarbeitung einer Zeit voller Angst und
Ungewissheit, aber auch eine Pflicht, sagt
Ye|8silöz. Er habe im Gefängnis so viele
Leute angetroffen, die willkürlich
verhaftet worden seien. "Sie alle
baten mich: «Erzähl draussen von uns»."
Nach
der Entlassung aus dem Gefängnis liess er
es sich trotz der Repressionen nicht
nehmen, seine Familie zu besuchen.
"Ich habe gesehen, dass vieles im
Dorf noch so war wie früher." Für
Ye|8silöz war das auch ein Zeichen, dass
die kurdische Kultur nicht so einfach
unterdrückt werden kann. Diese Eindrücke
nach zehn Jahren im Exil waren es auch,
die ihn zu seiner neusten Erzählung
bewogen haben.
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