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Steppenrutenpflanze
WOZ
17/2000
Anna
Wegelin
Yusuf
Yesilöz’ neues Buch ist eine seltsame
Liebkosung mitten im gewaltigen, eiligen
Alltag. Eine kleine Störung durch
Langsamkeit, ein stilles Gebet auf die
Schlichtheit. Und ein kurzweiliges
Amuse-Bouche. In «Steppenrutenpflanze»,
einem fragmentarischen Erinnerungsbericht
an «eine kurdische Kindheit», wie es im
Untertitel des schlanken Bandes heisst,
malt der Ich-Erzähler in
pointillistischer Manier rückblickend die
ersten zehn Jahre seines Lebens im Osten
der Türkei in einer schicksalhaften
Dorfgemeinschaft. Was diese zusammenhält,
ist eine der Naturalienökonomie zugrunde
liegende Arbeitsteilung und Solidarität:
Fehlt die Mutter, kocht die Nachbarin für
die hungrigen Männer im Haus. Was dann
die Familie des kindlich-naiven
Berichterstatters kittet, sind
ausgerechnet die Streitereien: Wenn der
Junge mit der Grossmutter gegen den Vater,
dieser wiederum gegen die Schafe hütende
Mutter, die ganze Familie gegen einige
Nachbarn keift - dann zeichnet der Autor
die Karikatur einer Familie, deren
aufgeladenes Zusammenspiel sich letztlich
für den Protagonisten als identitätsstiftend
erweist. Nicht ganz unerwartet spielt
dabei auch der Bezug zum patriarchalen
Familienoberhaupt eine zentrale Rolle.
Yesilöz unterstreicht dies, indem er
leitmotivisch die Geschichte von dessen
drei geplatzten Verlobungen einflicht. Nie
will der Vater mit der Geschichte herausrücken,
ständig will sie sein Sohn erzählt
bekommen - ohne familiäre Vergangenheit
keine individuelle Zukunft. Yusuf Yesilöz’
Buchprojekt mag nostalgisch motiviert sein
- hier lässt einer eine Welt erstehen,
die noch in Ordnung war. Doch nicht
zuletzt wegen der lakonischen Sprache
bezaubert die Ereignislosigkeit dieser
fernen Welt.
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